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Digitale Souveränität: Von Selbstbestimung in digitalen Zeiten

Ist der Einsatz von Beacons eine Nummer zu groß für Kirchengemeinden? Im Workshop wurde rege diskutiert.Ist der Einsatz von Beacons eine Nummer zu groß für Kirchengemeinden? Im Workshop wurde rege diskutiert.

Digitale Souveränität

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„Nachrichten, die den Nerv treffen“, versprach Max Weiland, Chief Executive Officer der  beaconsmind AG  aus Zürich den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Tagung „Netzwärts – Wohin geht der Trend“ im Haus der Evangelischen Kirche in Köln. Eingeladen hatten die Evangelische Akademie im Rheinland, die Evangelische Kirche im Rheinland und die Kölner Melanchthon-Akademie.

Weiland und seine Mitarbeitenden installieren beispielsweise in Geschäften sogenannte Beacons. Das sind Sender, die Kunden persönlich über das Smartphone ansprechen, wenn sie sich in der Nähe des Senders und damit in unmittelbarer Umgebung des Geschäftes bewegen. Voraussetzung ist, dass man die App des Ladens auf das Smartphone geladen und die Bluetooth-Funktion aktiviert hat.

Praktisch keine Grenzen mehr, mit Kundendaten zu arbeiten

„Wir wissen beispielsweise, welches Kleid sich eine Kundin zwei Tage vorher im Internet abgeschaut hat und schicken ihr dann eine Nachricht, dass sie es im Geschäft, vor dem sie steht, anprobieren kann“, nannte Weiland eine von ungezählten Anwendungsmöglichkeiten der Beacons: „Es gibt praktisch keine Grenzen mehr, mit den Daten der Kunden zu arbeiten.“

In den USA seien die Beacons deutlich verbreiteter als in Deutschland. Dort wünschten sich, so Weiland, die Hälfte aller Kunden die persönliche Ansprache per App auf dem Smartphone. Und mehr als die Hälfte von ihnen würde sich lieber über die App informieren lassen als im persönlichen Gespräch mit einem Mitarbeitenden des Geschäfts.

Man könne die Kunden so über Rabatte informieren. Über die App sei aber auch in vielen Fällen das Bezahlen von Ware möglich. Es gebe aber auch, so Weiland, noch ganz andere Möglichkeiten, Beacons sinnvoll einzusetzen: „Der Flughafen in Sann Francisco ist ein guten Beispiel. Dort geleiten die Sender zum Beispiel Blinde zu ihrem Flugsteig.“

"Wenn Dienste kostenlos angeboten werden, sind wir die Ware“

Stefan Fritz, Senior Vice President der Firma Cancom und Experte für faire digitale Plattformen, und ebenfalls Referent auf der Tagung, warf einen Blick in die Vergangenheit, um die Dynamik der aktuellen Entwicklung zu verdeutlichen. Als Beispiel nannte er die Musik.

Vor 30 Jahren sei das mp3-Format zum Speichern von Musik erfunden worden. Kurz darauf sei der Markt für Schallplatten und CDs im Prinzip zusammengebrochen. Wildwuchs und Piraterie seien die Folgen gewesen. Erst mit dem iTunes-Angebot von Apple habe es eine Plattform gegeben, auf der man den Verkauf von Musik wieder als valides Geschäftsmodell habe etablieren können.

Heutzutage seien Streaming-Dienste wie Spotify, für die man selbstverständlich bezahle, völlig normal. „Wir müssen bereit sein, für Dienste im Netz zu bezahlen“, forderte Fritz ein Abwenden von der „Umsonstkultur“. „Wenn Dienste kostenlos angeboten werden, sind wir die Ware. Wir haben uns verblenden lassen von der kostenlosen Kultur.“ Fritz warb eindringlich für die Mitgestaltung und Unterstützung der Nutzer von „Geschäftsmodellen auf der Basis von europäischen Werten“.

Der Mensch muss die Freiheit erhalten, nach eigenen Wünschen zu handeln

Professor Dr. Peter Kirchschläger war der Tagung per Skype zugeschaltet, er konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht persönlich erscheinen. Der Ordinarius für Theologische Ethik und Leiter des Instituts für Sozialethik an der Theologischen Fakultät der Universität äußerte sich sozusagen virtuell zur „Selbstbestimmung und virtuelle Realität sowie digitales Marketing“.

Die Selbstbestimmung des Einzelnen definierte Kirchschläger nach Kant. Demnach sei selbstbestimmt ein „vernünftiges Wesen, das keinem Gesetz gehorcht als dem, das es zugleich sich selbst gibt“. Maschinen könnten, so Kirchschläger, selbstlernend sein, um ihre Effizienz zu steigern. Sie könnten aber nicht den Gesetzen der Verallgemeinbarkeit im Sinne von Kant folgen. Der Mensch müsse sich angesichts der Digitalisierung unbedingt die Freiheit erhalten, nach eigenen Wünschen und Plänen zu handeln: „Ich brauche die Freiheit, das zu wollen, was ich will. Und was ich nicht will.“

Elementare Forderungen in diesem Zusammenhang seien Datenschutz und der Schutz der Privatsphäre. Digitales Marketing berge immer die Gefahr der Manipulation und der Entmündigung in sich und damit den Verlust der Entscheidungsgewalt des Einzelnen. Und zum Thema Privatsphäre: „Ich lade ja auch nicht Google und Facebook bei mir zu Hause an den Abendbrottisch ein.“

Schutz der Privatsphäre ist elementar

Es sei im Übrigen falsch zu denken, dass Jugendliche sich bereits damit abgefunden hätten, dass ihre Privatsphäre in Zeiten der Digitalisierung keine Rolle mehr spiele. Es gelte, im Netz ethische Prinzipien und rechtliche Standards zu akzeptieren. „Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen auf der Basis bestehender Regeln und Gesetze und elementare Menschenrechte auch durchsetzen“, sagte Kirchschläger mit Verweis auf Artikel 12 der Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948: „Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung und seine Schriftverkehr oder Beeinträchtigung seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden. Jeder hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen.“

 „Wir müssen mündig und nicht entmündigt mit der neuen Technik umgehen“, forderte Kirchschläger und verwies auf die zahlreichen Chancen. Etwa für Menschen mit Behinderung, die sich  Möglichkeiten eröffneten, selbstbestimmter zu leben. „Dabei entsteht allerdings ein Paradox“, so der Professor: „Das Assistenzsystem ermöglicht mehr Selbstbestimmung und gleichzeitig entstehen Abhängigkeiten und man ist gezwungen, persönliche Daten abzugeben.“ Darauf könne und solle man sich einigen.

Kirchengemeinde nutzt Beacon

Konkret auch für Kirchengemeinden wurde es in einem Workshop mit Max Weiland nach den Vorträgen. „Nachrichten, die den Nerv“ treffen, gebe es in Minden. Die ostwestfälische Stadt setzt Beacons für das Stadtmarketing ein. „Viele Kommunen verfügen nicht über das entsprechende Fachwissen. Es gibt viel Unsicherheit und Unwissen. In der Minden Stadtmarketing GmbH arbeiten  Leute, die sich auskennen. Beacons sind nur Module von vielen in Minden. Die Minden App kann sich jeder herunterladen. Eine digitale Stadtführung wird realisiert über Beacons. Gutscheine von Geschäftsleuten werden angezeigt“, berichtete Weiland.

Ein Optiker erklärte in einem Film: „Ich glaube, dass der eine oder andere zusätzliche Kunde in den Laden kommt.“ Eine tägliche frohe Botschaft sendet Frieder Küppers, Pfarrer der evangelischen St.­-Marien-Gemeinde in Minden, über einen Beacon. Auf die Frage nach den monatlichen Kosten für eine Kirchengemeinde, erklärte Weiland, dass der günstigste Preis für den Beacon plus Versand von Daten bei 79 Euro liege.

„Die Gemeinden müssen von ihrer Landeskirche begleitet werden,“ wandte ein Workshop-Teilnehmer ein . „Sie muss auch vernünftige Preise für Gemeinden aushandeln. Wenn die einzeln einen Beacon haben, ist der Effekt nicht sehr groß.“ Die Kirche betrachtet Weiland als eine reichweitenstarke Institution: „Wir haben große Lust, mit evangelischen Gemeinden was zu machen“, warb Weiland für die Zusammenarbeit mit seinem Unternehmen. Ein weiterer Workshop-Teilnehmer empfahl ein Pilotprojekt in einem Kirchenkreis zu starten, da die Gemeinden dafür zu klein seien. Weiland verwies auf deutliche Kosteneinsparungen im Printbereich. „Das eine ersetzt das andere nicht“, entgegnete ein anderer Workshop-Teilnehmer. „ Es gibt Verschiebungen, die sehr lange dauern. E-Books ersetzen Bücher, aber noch nicht in großem Stil. Vielleicht in 20 Jahren“, Es wird wohl noch ein wenig dauern, bis dass sich Gemeinden und Beacons auf Augenhöhe begegnen.

 

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ekir.de / Stefan Rahmann, Foto: Anna Siggelkow / 14.03.2018


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