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Fasten: Der Magen leer, der Kopf frei

Das Fasten ist ein bewusstes Unterbrechen alltäglicher Gewohnheiten. Foto: fotolia.com/Joerg SabelTrinken ist erlaubt, und muss auch sein. Beim Fasten haben die Teilnehmenden aus Willich am Niederrhein von Tee, Saft und Gemüsebrühe gelebt. Foto: fotolia.com/Joerg Sabel

Fasten

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Dieser Apfel ist etwas Besonderes: Er ist die erste feste Nahrung, die die Frauen und Männer aus der Fastengruppe der Evangelischen Emmaus-Kirchengemeinde Willich nach bis zu zehn Tagen zu sich nehmen. Gemeinsam schälen, schneiden und essen sie die Frucht vor dem sonntäglichen Gottesdienst. „Zum Ende der Fastenwoche freue ich mich jedes Mal sehr auf meinen Apfel, dieser intensive Geschmack ist ein Genuss“, sagt Presbyterin Heike Waldeck.

Ausschließlich Tee, Gemüsebrühe oder verdünnte Fruchtsäfte hatten die Fastenden bis dahin zu sich genommen – und sich jeden Abend in der Gruppe zu Austausch und geistlichem Impuls getroffen. Seit elf Jahren gibt es dieses Angebot der Kirchengemeinde Willich am Niederrhein, zwischen sechs und zwanzig Menschen sind jeweils dabei. „Wir wollen die Passionszeit zum Anlass nehmen, uns auf das Wesentliche im Leben zu besinnen“, sagt Gemeindepfarrer Michael Haarmann.

Die Tüte Chips muss nicht sein

„Das Fasten ist für mich eine Auszeit für Körper und Seele, es gibt mir die Möglichkeit, Gewohntes zu hinterfragen und im besten Fall schlechte Angewohnheiten abzulegen“, beschreibt Presbyterin Heike Waldeck ihre Motivation fürs Fasten. Es sei ein bewusstes Unterbrechen alltäglicher Gewohnheiten, ergänzt Pfarrer Haarmann. „Auf einmal wird einem klar, was man eigentlich den ganzen Tag über zu sich nimmt und merkt, die abendliche Tüte Chips muss wirklich nicht sein.“ Dieses Bewusstsein für die eigene Ernährung gehe im Alltag oft verloren.

„Die geschenkte Zeit, die ich sonst mit Einkaufen und Kochen verbringe, konnte ich für Spaziergänge nutzen oder mir eine Pause mit dem Wärmekissen auf dem Sofa gönnen“, erzählt Presbyterin Waldeck. Sie empfindet den Verzicht auf das Essen als Gewinn: „Ich kann mich auf meine inneren Kräfte besinnen, die mir in dieser Zeit besonders bewusst werden.“

Empfindsamer und konzentrierter

Fasten macht den Magen leer und den Kopf frei. Dabei werde man empfindsamer, konzentrierter und die Antennen für geistliche Impulse würden feiner, beschreibt es Pfarrer Haarmann. „Was brauche ich, und was trägt mich im Leben?“, darüber denken die Teilnehmenden verstärkt nach. „Wie ist das mit dem Vertrauen in Gott? Und wo spüre ich, wenn ich von ihm getragen werde?“, auch darüber tauschen sich die Fastenden bei ihren Gruppenabenden aus.

„Für mich ist es eine Auszeit, in der ich bewusst abschalte“, sagt Presbyter Marcus Koller. Nach zwei Tagen ohne feste Nahrung stelle sich sein Körper um, hat er beobachtet. „Das Hungerempfinden verschwindet, und ich habe sogar das Gefühl, leistungsfähiger zu sein.“ Und dann macht es ihm auch nichts aus, wenn er sich mit Freunden trifft, die etwas Leckeres essen, während er seinen Tee trinkt. Das Abnehmen sei übrigens ein angenehmer Nebeneffekt des Fastens: „Bis zu fünf Kilo können es schon mal werden.“

Fasten mach demütig

Wie Presbyter Marcus Koller wollen alle Teilnehmenden nach dem Fasten auf ihre Ernährung achten. „Wenn man bedenkt, wie viel Lebensmittel in unserer Gesellschaft im Abfall landen, ist es gut, auf die Mengen zu achten, die man wirklich braucht“, sagt Pfarrer Haarmann. Im Grunde wisse doch keiner aus den jüngeren Generationen, wie sich Hunger wirklich anfühle. „Das macht uns demütig und solidarisch mit den Menschen, die zu wenig zum Leben haben.“

„Die Wertschätzung der Lebensmittel wird durch das Fasten verändert, das Alltägliche wird etwas Besonderes“, bekräftigt Presbyterin Heike Waldeck. Ihr persönliches Fazit nach der Fastenzeit: „Ich esse noch weniger Fleisch, noch mehr Bio-Produkte, und es darf von allem ruhig etwas weniger sein."

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ekir.de / Sabine Eisenhauer / 20.03.2018


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