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„Maria und die dritte Dimension“

Hochaltar im Dom zu Brandenburg an der Havel

©epd-Bild

Das vermutlich aus einer Leipziger Werkstatt stammende Kunstwerk, in dessen Mittelpunkt umgeben von Heiligen die gekrönte Maria mit dem Jesuskind steht, gilt nach Angaben des Domstifts als eines der bedeutendsten Altarbilder des 16. Jahrhunderts und der Zeit des Übergangs von der Gotik zur Renaissance.

Außen von Wetter und Zeit gezeichneter Backstein, innen strahlendes Weiß: Der vor mehr als 850 Jahren gegründete Dom zu Brandenburg an der Havel gilt als Mutterkirche der Mark. Eine Ausstellung rückt nun eine Kuriosität aus dem Kirchenschatz in den Blick der Öffentlichkeit. Unter dem Titel „Maria und die dritte Dimension“ wird die Geschichte des 500 Jahre alten Marienaltars aus dem Hohen Chor des Doms erzählt, der eigentlich ganz woanders hingehört und durch die Reformation dorthin gelangte. Am 3. Mai wurde die Ausstellung, die auch die gesellschaftlichen Umbrüche der Zeit vor 500 Jahren aufgreift, im Dom eröffnet.

Der Zisterzienserabt Valentin Henneke hatte den rund neun Quadratmeter großen, kunstvoll mit Schnitzereien und Gold verzierten Flügelaltar einst dem märkischen Kloster Lehnin gestiftet, 1518 wurde der Altar dort aufgestellt. Das vermutlich aus einer Leipziger Werkstatt stammende Kunstwerk, in dessen Mittelpunkt umgeben von Heiligen die gekrönte Maria mit dem Jesuskind steht, gilt nach Angaben des Domstifts als eines der bedeutendsten Altarbilder des 16. Jahrhunderts und der Zeit des Übergangs von der Gotik zur Renaissance.

Einzelheiten im historischen Rechnungsbuch dokumentiert

Der Altar sei Ausdruck eines „komplexen Systems der mittelalterlichen Jenseitsvorsorge“, sagt Museumsleiter Rüdiger von Schnurbein: Der Lehniner Abt wollte mit der Stiftung des Kunstwerks Vorsorge für die göttliche Abrechnung der guten und schlechten Taten am Tag des Jüngsten Gerichts und für seine Aufnahme in den Himmel treffen. Einkünfte aus etlichen Orten im Gegenwert von 1.800 Schweinen habe der Abt für die Altarstiftung zum eigenen Seelenheil eingesetzt, erzählt der Museumsleiter.

Doch dann kam auch in Brandenburg die Reformation dazwischen. Das Kloster Lehnin wurde aufgelöst und der Altar erst nach Berlin und dann 1552 von Kurfürst Joachim II. nach Brandenburg an der Havel überstellt. Nach der Auflösung von Klöstern das Inventar zu verschenken oder zu verkaufen, sei üblich gewesen, sagt Schnurbein. Auf langen schmalen Seiten sind mit schwarzer Tinte in einem historischen Rechnungsbuch Einzelheiten dokumentiert, auch die 14 Tage währende Dauer der Reise des Altars von Berlin zum heute protestantischen Brandenburger Dom. Das Rechnungsbuch wird auch in der Ausstellung gezeigt.

„Treppenwitz der Kirchengeschichte“

Rund 400 Jahre später gerät der Altar erneut in Verwicklungen. „An den Herrn Bischof Dr. Dibelius, Berlin-Dahlem“ beginnt ein Brief vom August 1946. Die evangelische Lehniner Kirchengemeinde bittet den Bischof darin, dafür Sorge zu tragen, dass der Marienaltar aus Brandenburg an der Havel wieder nach Lehnin zurückkehren kann. Der Dom könne getrost auf den Altar verzichten, weil er über einen eigenen Hochaltar aus dem 14. Jahrhundert verfüge, heißt es in dem Schreiben. Auch dieser Brief gehört zu den Exponaten der Ausstellung.

Erfolg hatten die Lehniner damit nicht. Das Brandenburger Domkapitel habe sich gesträubt und das einstige Geschenk des Kurfürsten auch im 20. Jahrhundert nicht wieder hergeben wollen, erzählt Schnurbein. Am Ende gab es einen Kompromiss und ein gotischer Marienaltar des Doms kam nach Lehnin. Ein „kirchengeschichtliches Kuriosum“ nennt der Museumsleiter die Geschichte, der Altartausch von Brandenburg und Lehnin sei ein „Treppenwitz der Kirchengeschichte“.

Dreidimensional bestickte Priestergewänder und ein Klappaltar

In der Ausstellung werden auch weitere kostbare Exponate gezeigt, darunter mehrere kunstvolle, zum Teil dreidimensional bestickte Priestergewänder, mehrere Madonnenfiguren und ein um 1500 entstandener kleiner Klappaltar für unterwegs. In einem Themenraum werden unter anderem Albrecht Dürers 1525 vorgelegte Vorstellungen geometrischer und mathematischer Grundlagen perfekter Kunst erläutert und Exponaten aus der Zeit davor gegenübergestellt, die Dürers neuen Ansprüchen nicht standgehalten hätten.

Die Epoche, in der der Altar geschaffen wurde, sei eine „ausgesprochen turbulente und umbruchsreiche Zeit“ gewesen, betont Schnurbein. Die Reformation, die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg, die Eroberungsfeldzüge der Osmanen im Mittelmeerraum, der Humanismus, die Reise des Kolumbus nach Amerika sind Beispiele dafür. Ein weiterer der Themenräume nimmt diese Zeit in den Blick. Der Nachdruck eines Rechenschaftsberichts von Kolumbus aus dem Jahr 1493 an die spanische Königin als Verwendungsnachweis der königlichen Mittel für die Amerikafahrt ist eines der Exponate aus dieser Zeit. Die Ausstellung wird bis zum 31. Oktober gezeigt.

Yvonne Jennerjahn (epd)

Die Ausstellung ist montags bis samstags von 10 bis 17 Uhr sowie sonntags von 12 bis 17 Uhr geöffnet.

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