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Pionier in der Kita

Kahle gehört seit 1. August vergangenen Jahres als Bundesfreiwilliger zu diesen Pionieren – und konnte es werden, weil es eine Reihe engagierter Begleiter gibt, die sich für ihn einsetzen. Im Elternhaus, in der Kita, beim Träger des Dienstes. Denn einen geregelten und erprobten Zugang für Menschen mit geistigen Behinderungen in Jugendfreiwilligendienste gibt es in Deutschland noch nicht.

Modellprojekte wie das „FSJ Tandem“ unter dem Dach der Freiwilligendienste der Lebenshilfe Nordrhein-Westfalen sind da die große Ausnahme: Zwei junge Leute mit und ohne Behinderung arbeiten an einer Aufgabe und lernen voneinander. Aktuell gibt es drei Tandems: Beteiligt sind eine körperbehinderte Frau in einer Kita, ein Mann mit Asperger-Autismus als Schulintegrationshelfer und ein Mann mit geistiger Behinderung in einem Altenheim.

„Wir brauchen Menschen, die nach den Stärken fragen“

An erster Stelle der Engagierten in Bremen steht Gian Lucas Mutter Gesa Ohse, Vorsitzende des örtlichen Vereins für Eltern von Kindern mit Trisomie 21. Sie ließ nicht locker und wollte ihrem Sohn nach der Schule einen Weg außerhalb einer Behinderten-Werkstatt ebnen. „Die Schule hat ihm das nicht zugetraut, der war das nicht geheuer. Sie war gegen ein Freiwilligenjahr“, erinnert sie sich und ergänzt: „Wir brauchen Menschen, die nach den Stärken fragen und dann entscheiden.“

Einer davon ist Uwe Wrede, pädagogischer Mitarbeiter beim Sozialen Friedensdienst in Bremen, dem Träger des Bundesfreiwilligendienstes in der Kita. „Da sind wir mehr oder weniger reingeworfen worden“, blickt Wrede zurück. „Ein Konzept hatten wir nicht. Wir haben Schritt für Schritt Seminarformen entwickelt, denen Gian Luca besser folgen kann, beispielsweise durch leichte Sprache und den verstärkten Einsatz von Bildsymbolen.“ Änderungen, die notwendig sind und allen nützen, die aber Zeit kosten, die bislang niemand bezahlt.

Inklusion als Akt der Bereicherung

Dass geistig behinderte Jugendliche in einem Freiwilligendienst so selten sind, liegt oft auch an den Ansprüchen der Einsatzstellen, was die Arbeitsleistung angeht. Bei Gian Luca hingegen passt alles, zumal sich die Kita ohnehin dem Thema Inklusion verschrieben hat.

„Das ist wunderbar, wie sich Gian Luca hier beteiligt“, meint Kita-Leiterin Kerstin Wührmann, die Inklusion als Akt der Bereicherung versteht: „Alle Menschen sind doch unterschiedlich. Das ist kein Problem, sondern Normalität. An diese Normalität wird das System angepasst, nicht umgekehrt.“

So arbeitet Gian Luca 25 Stunden in der Woche, damit er nicht überfordert wird. Das reicht ihm auch. „Ein langer Tag, immer“, sagt er selbst. Trotzdem ist es genügend Zeit, damit er seine Stärken einbringen kann. Dazu gehört vor allem sein Einfühlungsvermögen, meint Gruppenleiterin Dietlind Schöppner: „Gian Luca kann zuhören, genau hinsehen und hat eine tolle Gabe: Er spricht alles ehrlich an.“

So ist es auch auf dem Spielplatz, nachdem Ayda ihn gestoßen hat. „Das muss ich mit ihr klären“, sagt er, läuft hinter dem Mädchen her und stellt sie an der Rutsche: „Hör auf zu hauen! Haben wir uns verstanden?“ Ayda nickt.

„Davon profitieren wir alle“

Die Bundesregierung habe sich vorgenommen, inklusive Jugendfreiwilligendienste mehr zu fördern, sagt eine Sprecherin des Familienministeriums. Dazu gehöre die Möglichkeit, in begründeten Fällen in Teilzeit zu arbeiten. Das sei insbesondere für junge Menschen mit einer Behinderung von Bedeutung, die ein Vollzeitdienst überfordern würde. Auch eine Förderung von Assistenzleistungen zur barrierefreien Ausgestaltung des Dienstes sei angedacht.

„Wir brauchen finanzierte Strukturen, um das System anzupassen“, bekräftigt der hannoversche Freiwilligen-Experte Schulze. Und auch Uwe Wrede beim Sozialen Friedensdienst sagt, dass noch viel zu tun sei, damit geistig behinderte Menschen leichter einen Freiwilligendienst antreten könnten. „Wir brauchen Zeit, Personal, Geld.“

Dass es sich lohnt, davon ist er überzeugt: „Gian Luca hat große Stärken, wenn es beispielsweise darum geht, eine Gruppe zusammenzubringen“, sagt Wrede. „Davon profitieren wir alle.“

Dieter Sell (epd)

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