Hauptperson in dem Roman „Ein fabelhafter Lügner“ von Susann Pásztor ist – das verstorbene – Familienoberhaupt József Molnár, genannt Joschi, der 100 Jahre alt geworden wäre. Joschi hatte fünf Kinder mit fünf verschiedenen Frauen, verlor zwei Kinder und seine zweite Frau in Auschwitz, war Häftling in Buchenwald. Er hinterließ ein Vermächtnis von Geschichten, war selbst ein phantasievoller Geschichtenerzähler.

Dreißig Jahre nach seinem Tod bringt der Geburtstag die Halbgeschwister Marika, Hannah und Gabor zum ersten Mal zusammen. Sie treffen sich in Weimar, um ihre sehr unterschiedlichen Versionen von Joschis Leben miteinander auszutauschen. Was folgt ist ein Wochenende voller Überraschungen und Geständnisse. Ganz unterschiedliche Vaterbilder kommen zum Vorschein.

Beobachtet und beschrieben wird das Familientreffen von Marikas 16-jähriger Tochter Lily. Diese hatte sich eigentlich für ein Referat über das Konzentrationslager Buchenwald gemeldet, stattdessen berichtet sie mit liebevoller Anteilnahme von dieser Zusammenkunft. Im Mittelpunkt ihrer Erzählung steht dabei der gemeinsame Besuch der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Buchenwald oberhalb von Weimar: ein nachdenklicher und eindrucksstarker Rundgang durch das KZ-Gelände folgt, detailgetreu und atmosphärisch dicht. Jeder, der dieses Gelände bereits persönlich einmal besichtigen konnte, wird sich an die individuellen Örtlichkeiten und die beklemmende Stimmung erinnern.

Das Ende des Romans ist überraschend: Ein illegaler Geburtstagsfestakt zu Joschis Ehren, der zum Verstehen und zur Versöhnung innerhalb der Familie beiträgt, allerdings auf der Polizeistation in Weimar endet.

Susann Pásztor hat eine bewegende Familiengeschichte geschrieben, in der das Tragische und das Komische ganz eng miteinander verbunden sind, und der trotz des Themas nie bedrückt, sondern wegen seiner heiteren Menschlichkeit auch mal zum Lachen anregt.