30 Jahre Mauerfall – Vortrag und Gottesdienst

Interview mit Pfarrer Bernd-Ullrich Stock, Kranichfeld, Thüringen

Lieber Ulli, wir freuen uns sehr, dass du anlässlich des 30. Jahrestages des Mauerfalls zu uns kommst und uns etwas erzählst über die Zeit vor und nach dem 09. November 1989.

In welcher Gemeinde warst du im Jahr 1989 tätig?
Antwort: In dieser Zeit war ich Gemeindepfarrer in Großrudestedt, einer ländlichen Gemeinde im Norden von Erfurt. Ich war zu der Zeit für vier eigenständige Kirchgemeinden zuständig und es waren insgesamt ca. 1.100 eingetragene Gemeindeglieder.

Wie ging es den Pfarrern und Gemeindegliedern im Jahr 1989?
Antwort: Die Stimmung in den Kirchgemeinden aber auch darüber hinaus in der gesamten Gesellschaft war natürlich sehr geprägt von den politischen Ereignissen in dieser Zeit. Der Rücktritt Erich Honeckers wurde wohl von allen begrüßt, dass jedoch gerade der „Kronprinz“ Egon Krenz nun etwas wesentlich Neues und Besseres bringen könnte, daran glaubte niemand mehr.
Besonders die Ausreise- und Fluchtbewegung von DDR-Bürgern in Richtung Westen machte die Zurückbleibenden betroffen und hat den Druck in der Bevölkerung und den Wunsch nach grundlegenden Veränderungen in der DDR erhöht.

Welche Repressalien seitens des DDR-Staates waren in den Gemeinden zu spüren? Welche Ängste und Sorgen hatten die praktizierenden Christen?
Antwort: Druck wurde vor allem auf Jugendliche in den Schulen ausgeübt. Das Tragen eines Kreuzes, auch wenn es nur Schmuck war, wurde in vielen Schulen untersagt. Wer nicht an der Jugendweihe teilnahm hatte in der Regel keine Chance an einer höheren Schulausbildung, Abitur und Studium teilzunehmen.
Auch Erwachsene standen immer wieder unter Druck. Wer in seinem Berufsleben eine gewisse Kariere machen wollte wurde aufgefordert aus der Kirche auszutreten und Mitglied der SED zu werden.
Innerhalb kirchlicher Räume gab es viele Möglichkeiten für unsere Gemeindearbeit und keine Einschränkungen. In der Öffentlichkeit war christliches Engagement allerdings nicht erwünscht und wurde möglichst unterbunden.

Habt ihr von Kollegen gehört, die in die Fänge der Stasi geraten waren?
Antwort: Zunächst einmal war es ja so, dass Pfarrer und kirchliche Mitarbeiter grundsätzlich im Visier der Stasi waren. Diejenigen, die in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aktiv waren, wurden in besonderer Weise beobachtet. Das betraf vor allem die, die in der sogenannten “offenen Jugendarbeit“ aktiv waren. Vieles, was da von Seiten der Stasi lief, wurde erst nach der Wende, als die Stasiakten geöffnet wurden, deutlich. Leider auch die Tatsache, dass auch Pfarrer als IM (Inoffizieller Mitarbeiter) für den Staatssicherheitsdienst gearbeitet haben. Ich selbst musste erfahren, dass mein vorgesetzter Superintendent und auch der zuständige Oberkirchenrat als IM beim Stasi geführt wurden.
Direkte Übergriffe auf Pfarrer sind mir aus meinem näheren Umfeld nicht bekannt. Allerdings hat der Stasi keine Mühen gescheut um Pfarrwohnungen und Amtsräume von missliebigen Pfarrern zu „verwanzen“, denn so etwas wie „Alexa“ gab es zu dieser Zeit (Gott sei Dank) ja nicht.

Wie ging es euch in den Wochen nach dem Mauerfall? Welche Gedanken bewegten euch?
Antwort: Da gab es zunächst das große Gefühl von Freiheit. Wir sind nicht mehr eingesperrt und können reisen, Länder und Orte besuchen, die vorher unerreichbar waren. Auch der Kauf von Produkten, die man bisher nur aus der Werbung des Westfernsehens kannte, beflügelte die Stimmung in der Gesellschaft.
Eine Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland war für viele kurz nach der Wende noch nicht im Blick. Doch schon bald wurde klar, wohin die Reise geht. Ein Satz wie „Kommt die D-Mark nicht zu uns, dann kommen wir zu ihr“ machte deutlich, dass die Mehrheit der Ostdeutschen die Einheit wollte.

Gab es so etwas wie Aufbruchstimmung?
Antwort: Natürlich. Es gab große Hoffnungen, dass die Zeit von Bevormundung, Bespitzelung und Gängelung durch staatliche Stellen nun endgültig vorbei ist. Die Hoffnung auf eine wirkliche Demokratie, in der die Interessen der Bürger gehört und geachtet werden, war groß.

Fühltet ihr euch in den folgenden Jahren oft vom Westen überrollt oder vereinnahmt?
Antwort: Nun, eine gewisse Ernüchterung kam dann doch recht schnell. Als die Treuhand ihre Tätigkeit aufnahm, wurde der größte Teil der ostdeutschen Industrie abgewickelt. Investoren, die die volkseigenen Betriebe aufkauften, kamen fast ausschließlich aus dem Westen, verständlicher Weise, denn den „Ossis“ fehlte das Kapital, um solche Betriebe zu übernehmen und konkurrenzfähig zu machen. So mancher Betrieb wurde dann aber nach der Übernahme geschlossen. Die Arbeitslosigkeit, die in der DDR völlig unbekannt war, nahm beängstigende Formen an.
Im Osten gab es ständig Veränderungen, während im Westen, – das vermute ich zumindest – das Leben in den alten Bahnen weiterging.
Es steht bis heute die Frage: gab es wirklich eine „Wiedervereinigung“ oder lediglich einen „Beitritt Ostdeutschlands zum Gebiet des Grundgesetzes“?

Was hätte in der Nachwendezeit besser gemacht werden können?
Antwort: Gute Frage. Es gibt ja immer die Macht des Faktischen, die die Gestaltungsmöglichkeiten eingrenzt. Wichtig sind mir persönlich immer wieder die Begegnungen, der Gedankenaustausch und wenn es möglich ist das gemeinsame Leben. Nur auf diese Weise werden wir einander verstehen und nach den sichtbaren auch die unsichtbaren Mauern abbauen können.

Lieber Ulli, ich danke Dir sehr herzlich!
Als ich im Januar 2013 mein Amt als Kreiskantor des Kirchenkreises Weimar antrat, lernte ich Herrn Stock kennen. Er stand damals kurz vor seiner Pensionierung als Pfarrer der Kirchengemeinde Kranichfeld. Ich habe mich sehr gefreut, als er 2014 dem Gospelchor „Gospel and More“ in Klettbach, den ich damals leitete, beitrat. Weil wir uns immer sehr gut verstanden haben, fragte ich ihn, ob er zum 30. Jahrestag des Mauerfalls bereit wäre, zu uns zu kommen und über die Wendezeit zu berichten. Ich freue mich sehr darüber, dass er zu uns kommen wird!
Johannes Meyer

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