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Als Arzt bei der Seenotrettung: Handeln statt reden, helfen statt posten

Dr. Christoph Zenses, Internist aus Solingen, bei seinem Einsatz in der Schiffsklinik.Dr. Christoph Zenses, Internist aus Solingen, bei seinem Einsatz in der Schiffsklinik.

Als Arzt bei der Seenotrettung

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Plötzlich stand er auf diesem Schiff. Es war kleiner als er erwartet hatte. Das Team verbrachte die Nacht im Hafen, am nächsten Morgen sollte die Sea-Watch II auslaufen. „Wir hatten kleine Schlafkojen ohne Fenster und da wurde man sich noch mal bewusst, dass es unterwegs kein Zurück geben würde“, erzählt Dr. Christoph Zenses. Einer verschwand noch in der gleichen Nacht, ließ keinen Zettel und keine Begründung zurück, schrieb sich nur beim Hafenmeister aus. Der Solinger Arzt blieb.

Dr. Christoph Zenses war im Sommer 2017 aus seiner Praxis Richtung Süden aufgebrochen, hatte seinen Jahresurlaub genommen, Kurse zur Vorbereitung besucht und so auch das Team kennengelernt, mit dem er in See stechen würde. Drei Wochen lang wollte er auf dem Rettungsschiff, das später „Lifeline“ getauft wurde, retten, helfen und vor allem behandeln.

Überreste einer Mittelmeerflucht.Überreste einer Mittelmeerflucht.

In jener Nacht auf dem Schiff begann eine Reise, die den 58-Jährigen verändern sollte. Am nächsten Tag fuhren sie 24 Stunden, um überhaupt in jene Gebiete im Mittelmeer zu gelangen, in denen Rettung legal und möglich war. Dann stand er bei Sonnenuntergang mit Fernglas und Kompass an Deck und hielt nach Punkten am Horizont Ausschau, die sich beim Näherkommen als Schlauchboote entpuppten, die mit letzter Luft und hunderten Menschen auf der Flucht auf dem Weg Richtung Europa in Seenot geraten waren. „Diese Menschen werden mitten in der Nacht auf ein Boot gesetzt und ihnen wird erklärt, sie müssten nur noch den Fluss überqueren“, sagt Zenses. Stattdessen warten das Meer, Wellen und Wetter, Durst und Tod.

Minuten später blieb dem Solinger Arzt dann schon keine Zeit mehr zum Nachdenken – auch nicht zum Wütendwerden, dass mitten in Europa diese Katastrophe geschieht. „Im Minutentakt wurden die Menschen in unseren kleinen Klinikraum gebracht“, erzählt er, „sie hatten Knochenbrüche, weil über sie hinweg getrampelt worden war. Viele waren halb ertrunken.“

Behandlungen in kleiner Schiffs-Klinik

Vom stundenlangen Sitzen in einer Mischung aus Salzwasser, Fäkalien und Benzin hatten die Menschen auf der Suche nach Heimat und Hoffnung Verätzungen davon getragen. „Dann funktionierst du einfach nur noch“, sagt der Arzt, „und das kann ich dann auch.“ Er behandelte und half, wo er konnte, verlor keine einzige Patientin, keinen Patienten in seiner kleinen Schiffs-Klinik. Und doch kamen längst nicht alle Geflüchteten in den Schlaubooten lebend auf der Sea-Watch an. Viele verloren auf dem Weg ihr Leben..

Die Zusammenarbeit im Team sei toll gewesen. „Und so absurd das klingt: Diese positive Stimmung unter den Helfern macht auch Spaß“, sagt er. Aber die Ehrenamtlichen gerieten zuweilen auch selbst an ihre Grenzen: Das Schiff sei für hundert Geflüchtete ausgelegt gewesen, manchmal hätten bis zu dreihundert einen Platz an Deck gefunden. „Es wurden immer mehr, manchmal schwankte unser Schiff“, erzählt Zenses. Drei Wochen lang waren sie unterwegs.

Ich gehe dann den Schritt: Dr. Christoph Zenses in seiner Praxis in Solingen.Ich gehe dann den Schritt: Dr. Christoph Zenses in seiner Praxis in Solingen.

Warum? Dr. Christoph Zenses sitzt längst wieder in seiner Praxis in Solingen. Und er zögert nicht: „Handeln statt reden“, sagt er, „das ist wohl mein Motto.“ Einen schnellen Post im Internet könne jeder absenden, Hass-Nachrichten könne jeder schreiben. „Ich bin dann nicht der Typ, der sagt: ‚Das geht eh alles nicht‘“, sagt er, „ich gehe dann den Schritt.“

Und im Grunde ist er sich da treu geblieben. Schon damals im Studium entschied Zenses: „Mit dem, was du kannst, ist noch mehr möglich.“ Also engagierte er sich für die Tschernobylhilfe – auch weil 1985 die Älteste seiner drei Töchter geboren wurde. „Tschernobyl erschütterte mich“, sagt er. Und dann habe er nicht nur Geld und medizinisches Gerät sammeln, sondern eben auch hinfahren wollen.

Er wurde Mitglied bei Pro-Ost, engagiert sich seit Jahrzehnten für die Region. Mit einer Kinderhilfsorganisation reiste er später nach Angola. „Armut bedeutet Krankheit“, sagt er, „und Krankheit bedeutet Armut.“ Und weil das nicht nur in Entwicklungsländern ein Thema sei, sondern auch vor der eigenen Haustür, gründete er in Solingen erst das Medi-Mobil, um auch Nichtversicherten eine medizinische Behandlung zu ermöglichen, und dann die „Praxis ohne Grenzen“ – ehrenamtlich. Dort traf er auch zum ersten Mal Geflüchtete, die in Lampedusa an Land gekommen waren. „Nur nicht wegsehen“, sagt Dr. Zenses.

Erfahrung, Alter, Seriosität

Der Internist bekam in den Jahren darauf unzählige Preise – im November wird er in Solingen das Bundesverdienstkreuz erhalten. „Das bestätigt mich ein bisschen darin, dass es richtig und gut ist, was ich da tue“, sagt er, „aber vor allem lenkt es Aufmerksamkeit auf die Themen“. Und das führe dann eben auch dazu, dass Menschen spenden und Vereine, Verbände und Clubs seine Arbeit unterstützen. Und es verleihe ihm neben seiner Erfahrung und seinem Alter eben auch jene Seriosität, die Flüchtlingshilfe auch brauche, um zu funktionieren.

Ein Jahr nach seinem Einsatz auf der Sea-Watch nahm sich Dr. Christoph Zenses wieder Urlaub – zwei Wochen lang half er im Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos. Wenn die Medikamente knapp wurden, kaufte er auf der griechischen Insel eben neue. Wenn die Menschen von einer guten Zukunft in Europa sprachen, dann blieb er oft still, weil  er ahnte, dass für viele von ihnen der Traum nicht wahr werden würde.

Humanen Umgang finden

Er half vielen, begegnete Gefolterten und Vergewaltigten, Menschen, die ihre Familien auf der Flucht verloren hatten. „Nach diesen Einsätzen kann ich die Bilder im Fernsehen für eine Weile nicht mehr sehen“, sagt er.

Und als die ersten Helfer als Kriminelle festgenommen wurden, die Lifeline nicht mehr auslaufen durfte, da kehrte die Wut zurück. Und deswegen klingt sein Appell heute umso deutlicher: „Hinwenden, hinsehen, helfen und endlich zu einem humanem Umgang finden.“ Und deswegen wird er auch selbst immer wieder aufbrechen: 2019 wird er ins Flüchtlingscamp Moria zurückkehren.

 

ekir.de / Theresa Demski, Fotos Sea-Watch, Theresa Demski / 22.10.2018


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