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Das Arzt-Patienten-Gespräch: Medizinethisches Symposium über die besondere Beziehung zum Hausarzt

„Die ganzheitliche Leib und Seele umfassende Medizin ist in aller Munde“, sagte Manfred Kock, „da erhofft sich der Patient auch von einem Schulmediziner Orientierungshilfen in einer unübersichtlich gewordenen Welt“. Nicht selten werde ein Kranker auch mit der Endlichkeit seines Körpers konfrontiert, so der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. „Dann bekommt das Gespräch schnell eine religiöse Dimension und wird zur Herausforderung für die Mediziner.“ Und diese Herausforderung könne rasch zu einer Überforderung führen, meinte Kock. „Heiler Forscher, Tröster – was erwarte ich von meinem Hausarzt?“ hieß das Thema beim Medizinethischen Symposium in der Melanchthon-Akademie.

Verunsicherung unter Schulmedizinern
Das Symposium war das dritte in einer von Manfred Kock initiierten Reihe, veranstaltet von der Kölner Melanchthon-Akademie und der Frankfurter Stiftung Allgemeinmedizin. Letztere ist ein gemeinnütziger Verein, der sich als Sprachrohr und Förderer der gesundheitlichen Primärversorgung durch den Hausarzt versteht. Zum Kuratorium der Stiftung gehört auch Altpräses Manfred Kock. Ein weiteres Kuratoriums-Mitglied und Gründer der Stiftung ist Professor Dr. Jochen Gensichen, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München. Auf der Tagung gestand er, dass sich angesichts der trendigen alternativen Heilmethoden und der entsprechend sich ändernden Erwartungen von Seiten der Patienten unter Schulmedizinern und Schulmedizinerinnen Verunsicherung breit mache. „Die Patienten sind unzufrieden, die Ärzte fühlen sich überfordert: ‚Wofür sind wir überhaupt zuständig?‘, fragen sie sich.“

Trost spendendes Patienten-Arzt-Gespräch
Von einer „ganz besonderen Beziehung“, die der Hausarzt einst zu seinen Patienten hatte, erzählte Dr. Martin Bock, Leiter der Melanchthon-Akademie. In seiner Zeit als Gemeindepfarrer hatte er den bewegenden Abschied einer Dorfgemeinschaft von „ihrem“ verstorbenen Arzt miterlebt, der noch alle Wehwehchen, aber auch die ernsten Leiden der Gemeinde kannte und sich Zeit für jeden Einzelnen nahm. Heilung, Gesundung, das Trost spendende Gespräch – das seien schließlich auch religiöse Begriffe und Themen, da komme es unbewusst rasch zu einer Überlagerung der Bereiche: „Auch wenn ein Arzt solche Erwartungen nicht erfüllen kann“, so Martin Bock.

Dass dieses Bild vom Hausarzt gerade in städtischen Lebensräumen längst der Vergangenheit angehört, stellte Professorin Dr. Annette Becker von der Abteilung für Allgemeinmedizin, Präventive und Rehabilitative Medizin, an der Philipps-Universität Marburg in ihrem Vortrag „Hausarzt – ein Beruf mit vielen Rollen“ klar. Das liege nicht zuletzt am technischen Fortschritt und an der wachsenden Zahl von Fachärzten und Spezialisten. Auf einem Kongress 2015 habe etwa Eugen Münch, Aufsichtsratsvorsitzender der Rhön-Kliniken, gefordert, „man solle auch auf dem Lande Diagnostik-Zentren einrichten, die technisch auf dem neuesten Stand sind“,  berichtete Dr. Becker.

Intensive Gespräche mit Patienten ein Privatvergnügen?
Also regelmäßig ab in die Röhre und sich durchscannen lassen? Für Annette Becker ist das keine Alternative, als Schmerzexpertin wisse sie, dass die Ursache von Rückenschmerzen häufig nicht im Kernspintomografen zu erkennen sei, während Menschen mit völlig derangierten Wirbelsäulen oft schmerzfrei seien. „Da braucht es die Empathie eines Arztes, der dem Patienten im vertrauensvollen Gespräch signalisiert, dass er mit seinen Beschwerden ernst genommen wird.“ Auf der anderen Seite könne ein Allgemeinmediziner die Symptome von ihm wohlbekannten Patienten häufig besser einschätzen, zwischen einem harmlosen Magengrimmen und einer Bauchfellentzündung unterscheiden. „Wenn Sie zu einem Spezialisten gehen, lässt der sofort das ganze Programm ablaufen, obwohl vielleicht ein Tee schon ausgereicht hätte.“

Die Referenten beantworten Fragen aus dem Publikum

Zwischen den Vorträgen hörten die Referenten interessiert zu, wenn jemand aus dem Publikum von seinen Erfahrungen berichtete. Nicht weniger interessiert waren sie an den Fragen der Zuhörenden – und beantworteten diese umgehend

Als „Filter“ und Vermittler sei der Hausarzt unerlässlich, so die Professorin, weil er gerade älteren Menschen bei Bedarf einen Weg durch das Hightech-Dickicht bahnen könne. Voraussetzung dafür sei aber das Vertrauen, das im Gespräch entstehe. Dieses könne zudem Linderung bei den vermehrt auftretenden seelischen Leiden wie Burn-Out oder Depression verschaffen. „Selbstverständlich ist der Arzt zuständig für solche Gespräche“, sagte die Professorin auch als Antwort auf Professor Gensichen. Im Zweifel seien das schon nahestehende Privatpersonen: „Wichtig ist natürlich, dass man rechtzeitig erkennt, wenn ein Spezialist eingeschaltet werden muss.“

Die Marburger Professorin bemängelte, dass zwar jede teure Kernspintomografie problemlos über die Krankenversicherung abgerechnet werden kann, während ein intensiveres Gespräch mit dem Patienten als Privatvergnügen des Arztes gewertet wird. Das beklagten nach dem Vortrag auch anwesende Allgemeinmediziner: „Wir haben doch keine Lobby, die Fachärzte verdienen wesentlich mehr, sie haben das Sagen in den Berufsverbänden“, so der Tenor.

Dr. Radlbeck-Ossmann: „Das sollte gerade die Kirchen alarmieren“
„Darüber brauchen wir unbedingt eine gesellschaftliche Diskussion“, forderte Professorin Dr. Regina Radlbeck-Ossmann, Inhaberin des Lehrstuhls für Systematische katholische Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Dass das vertrauliche Arzt-Gespräch, das „ganz von selbst“ ganzheitliche Aspekte hatte, fast ausgestorben sei, führe zur Verbreitung von alternativen Heilmethoden aller Art, die gerade darauf ihren Schwerpunkt legen und dabei nicht selten unter der Hand ganze Weltanschauungen mitlieferten: „Das sollte gerade die Kirchen alarmieren.“

Die Professorin schlug einen weiten Bogen, erklärte, wie Aufklärung und Romantik zum Ich-Kult, zum übermäßigen Vertrauen in die Fähigkeiten und Talente des Individuums geführt hätten, was die Selbstbestimmung und die Fähigkeit angehe, aus eigenen Kräften ein erfülltes Leben zu führen. Verbunden habe sich dies mit einem fast uneingeschränkten Glauben an den technologischen Fortschritt, der einst auch Krankheit und Tod besiegen würde. Doch während die Religionen in diesem Prozess an Bedeutung verloren hätten, seien die Grundübel menschlichen Daseins, wie Tod, Unrecht, persönliche Schuld, „hartnäckig erhalten geblieben“. Durch die Beschleunigung in der Moderne und nicht zuletzt durch die Globalisierung sei vor allem das Gefühl der persönlichen Überforderung allgegenwärtig geworden.

Vorschlag für eine „Ökumene des Heilens“
Wie man leibliche Krankheiten zunehmend als Fehlfunktionen der Körper-„Maschine“ verstand, für die es Spezialisten gab, hoffte man nun, auch für Sinnkrisen Experten zu finden, die Orientierung in der von Jürgen Habermas diagnostizierten „neuen Unübersichtlichkeit“ böten: Eine konsequent ganzheitliche Betrachtung sollte alles richten, nicht selten mit einer Beimengung von fernöstlichen Lehren. „Einige der alternativen Heilmethoden können auch durchaus Erfolge vorweisen, aber nur bei bestimmten Krankheiten, bei anderen richten sie Schaden an“, betonte Regina Radlbeck-Ossmann. Häufig redeten die Patienten nur subjektiv von einer Verbesserung des persönlichen Wohlbefindens – wie es sich eben nach einem intensiveren Gespräch einstelle.

Den Vorschlag eines Teilnehmers, doch zu einer „Ökumene des Heilens“ aufzurufen, in der von der altchinesischen bis zur modernen Hightech-Medizin alle Zweige vertreten wären, sah die Professorin daher eher skeptisch: „Zunächst müssten dann im Interesse der Patienten klare Standards festgelegt werden“, sagte sie. Sonst ende alles mit „Hokuspokus“.

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