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Der unbekannte Held: Igal Avidan las in der Melanchthon-Akademie aus seiner Biografie „Mod Helmy – Wie ein arabischer Arzt in Berlin Juden vor der Gestapo rettete“

Wer war Mod Helmy? Vermutlich erfordert die Beantwortung dieser Frage in nicht wenigen Fällen ein Bemühen der digitalen Suchmaschinen. Bei der Nennung von Oskar Schindler hingegen dürfte die Bekanntheit vorausgesetzt werden. Beide Persönlichkeiten verbindet jedoch eine Ethik, die verfolgten Menschen während der NS-Diktatur das Leben rettete. Während Helmys Leben weitgehend unbekannt blieb, fokussierte Steven Spielbergs Oscar prämiertes Filmdrama „Schindlers Liste“ das Wirken des Großindustriellen, der mit seiner Frau rund 1.200 jüdische Zwangsarbeiter vor den Vernichtungslagern bewahrte und stilisierte den Familiennamen zum Synonym für Heldentum. Jener Bekanntheitsgrad wird Mohamed Helmy (1901-1982) wohl verwehrt bleiben.

Stellvertretend für viele Bewahrer von Würde und Gerechtigkeit
Mit der Biografie „Mod Helmy – Wie ein arabischer Arzt in Berlin Juden vor der Gestapo rettete“ des Journalisten und Nahostexperten Igal Avidan könnten Helmys Mut und humanistische Überzeugungen stellvertretend für viele Bewahrer von Würde und Gerechtigkeit stärker ins Bewusstsein der Gesellschaft gelangen.

Auf Einladung der Melanchthon-Akademie, der Synagogengemeinde Köln und der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit gastierte Avidan in den Räumen der Melanchthon-Akademie für eine rund 70-minütige Lesung mit anschließender Diskussion. Dass der Event eher einem lebhaften freien Vortrag inklusive Bildpräsentationen glich, überraschte zunächst, sorgte jedoch für eine intensive Einbeziehung der Zuhörerinnen und Zuhörer.

Reise in die Vergangenheit begann am 30. September 2013
Über seine Initialzündung für dieses Buchprojekt berichtete der Autor: „Meine Reise in die Vergangenheit begann am 30. September 2013, als ich beim Lesen einer israelischen Zeitung bei einer Meldung hängen blieb. Darin stand, dass die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem zum ersten Mal einen Araber als ‚Gerechten unter den Völkern‘ anerkannte. Dr. Mohamed Helmy, ein ägyptischer Arzt, der in Berlin gelebt hat, erhielt diese Auszeichnung, weil er sein Leben eingesetzt hatte, um eine jüdische Familie während der Shoah zu retten. Ich begriff auf Anhieb die politische Bedeutung dieses offensichtlichen Einzelgängers: Helmy könnte ein Held sein, sowohl für Juden und Muslime, für Israelis als auch für Araber – gerade in diesen Zeiten des Kriegs und des Terrors, der Verschwörungstheorien und Vorurteile auf beiden Seiten des langen und blutigen Konfliktes. In Zeiten, in denen der einst so hoffnungsvolle Friedensprozess im Nahen Osten so weit entfernt wie Oslo zu sein scheint. Helmys Geschichte ließ mich nicht mehr los. Ich wollte mehr über ihn und sein Leben herausfinden.“

Mühselige Recherche bei Patienten, Nachbarn und Angehörigen
Während mühseliger Recherchen spürte Avidan Helmys ehemalige Patienten, Nachbarn und deren Angehörige auf, besuchte Archive wie Verstecke und ließ die Geschichte in ein Werk fließen, das im Herbst letzten Jahres publiziert wurde. „Das Buch hat einen langen Weg hinter sich. Ich musste mich in den Kopf dieses Menschen hineindenken, denn es existieren keine Tagebuchaufzeichnungen. Die Spuren im Heimatland waren nicht einfach zu finden, weil kaum Informationen freigegeben wurden. Ich schreibe über einen großen Ägypter und die Leute dort wollen nichts darüber hören“, berichtete Avidan. Seinen Protagonisten schilderte er als „moralisch, liebenswürdig, aber auch als eigensinnig und sturköpfig“. So habe der „dunkle Mann im weißen Kittel“ gemäß seiner Verpflichtung als Arzt danach getrachtet, für das Wohlbefinden aller Menschen zu sorgen. Er habe dabei keinen Unterschied zwischen Juden, Muslimen oder Christen gemacht und sich später damit den Unmut der Gestapo eingehandelt.

Arzt Helmy musste als Geisel in Ägypten ausharren
Der in Khartum, dem heutigen Sudan, geborene Sohn eines ägyptischen Majors und einer auf Bildung bedachten Familie ließ sich nach seinem Schulabschluss 1922 in Berlin nieder, um in der damaligen Weimarer Republik ein Medizinstudium zu absolvieren. Im Anschluss an die Approbation arbeitete Helmy ab 1931 im Krankenhaus Moabit. Im Zuge der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten kam es seit 1933 zu umfangreichen Stellenneubesetzungen. Viele der jüdischen Ärzte mussten aus dem Dienst ausscheiden. Auch Mod Helmy sah sich der Willkür der Nazis ausgesetzt, die nicht davor zurückschreckten, verdächtige „Nichtarier“ zu inhaftieren. Mehrere Monate musste der Arzt als Geisel für inhaftierte deutsche Soldaten in dem von England besetzten Ägypten ausharren. Terror und Propaganda des Regimes hielten den Akademiker jedoch nicht davon ab, der in Rumänien geborenen Jüdin Anna Boros und ihrer Familie langfristige Zuflucht zu gewähren. Um die junge Frau vor der Gestapo zu schützen, organisierte Helmy Annas Übertritt zum Islam.

Mod Helmy rettete Anna Boros und ihre Familie
„Es gab keine Gemeinsamkeiten der Retter. Manche waren Christen oder Muslime, andere Atheisten oder Kommunisten“, konstatierte Igal Avidan. „Sie stammten aus allen Altersgruppen, sozialen Schichten und übten alle möglichen Berufe aus. Manche waren hochgebildet, andere Analphabeten.“ Letztendlich hätte jeder die Wahl zwischen Gut und Böse treffen können. „Leider trafen nur wenige die erste Wahl“, erklärte Avidan. „Mod Helmy rettete Anna Boros und ihre Familie. Er tat dies aus freien Stücken als Privatperson und nicht im Auftrag einer Regierung oder Organisation“, meinte Avidan und verwies auf die Maximen von Lebensrettern wie Mohamed Helmy und tausenden weiteren unbekannten Helden. Ihnen sei bisher kein Artikel, geschweige denn ein Buch oder ein filmisches Dokument gewidmet worden.

Eine Diskussion zwischen Autor und Veranstaltungsbesuchern schloss die unkonventionelle informative Lesung mit kosmopolitischer Färbung und der Frage nach dem persönlichen Einsatz für Menschlichkeit.

 

Zum Buch:
Igal Avidan, Mod Helmy – Wie ein arabischer Arzt in Berlin Juden vor der Gestapo rettete“
dtv Verlag 2017, 248 S. (m. Abbildungen), 20 Euro, ISBN 978-3-423-28146-1

Zum Autor:
Igal Avidan wurde 1962 in Tel Aviv/Israel geboren und studierte in seinem Heimatland Englische Literatur und Informatik. In Berlin folgte ein Studium der Politikwissenschaften. Der Journalist arbeitet seit 1990 als freier Berichterstatter für israelische und deutsche Medien.

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