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Erntedank: Der ewige Altarkürbis und eine Handvoll Erde

Auch in diesem Jahr findet bei Julia und Frank Paas auf dem Sieferhof ein Erntedankgottesdienst statt.Auch in diesem Jahr findet bei Julia und Frank Paas auf dem Sieferhof wieder ein Erntedankgottesdienst statt.

Erntedank

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Ekkehard Rüger, geb. 1965, ist Reporter in der Zentralredaktion der Westdeutschen Zeitung (WZ) in Düsseldorf. Und er ist Prädikant in der rheinischen Kirche.Ekkehard Rüger, geb. 1965, ist Reporter in der Zentralredaktion der Westdeutschen Zeitung (WZ) in Düsseldorf. Und er ist Prädikant in der rheinischen Kirche.

Ja, ich bin Sohn eines schlesischen Bauern. Ja, ich kann pflichtschuldig natürlich all die Stichwörter aufzählen, die im kirchlichen Raum stehen, wenn wir Erntedank feiern: Reich und arm, Überfluss und Hunger, Nord und Süd, Abhängigkeit von Wetter und Klima, Ausbeutung und Bewahrung der Schöpfung, Dankbarkeit und Demut.

Aber wenn ich ehrlich bin, sind sie jahrelang immer wieder an mir abgeperlt, während ich im Gottesdienst saß. Den ewigen Altarkürbis im Blick, eingebettet in Riesenzucchini, Weintrauben, Kartoffeln und Sonnenblumen. Matthias Claudius‘ „Wir pflügen, und wir streuen“ auf den Lippen. Und das unbestimmte Gefühl im Bauch, mich in einer eher folkloristischen Veranstaltung zu befinden. Ich habe mich schlecht gefühlt dabei.

Nicht, dass ich inhaltlich wirklich etwas auszusetzen gehabt hätte. Aber aus irgendwelchen Gründen wollte sich die eingeforderte Dankbarkeit nicht einstellen, knapp 400 Meter Luftlinie entfernt von den gefüllten Regalen des nächsten Supermarktes. Ich habe mich als Wohlstandskind beschimpft, längst entfremdet von den Mühen der Nahrungsmittelproduktion, als undankbar und gedankenlos. Es hat nichts genutzt. Erntedank hat mir nie etwas bedeutet.

Der Sieferhof im bergischen Burscheid gewährt einen freien Blick hinunter in die Rheinebene bis nach Leverkusen und Köln. Es ist der 1. Oktober 2017, im Monat des 500. Jahrestages von Luthers Thesenveröffentlichung. Die Evangelische Kirche im Rheinland lädt für dieses Jahr zu Gottesdiensten an ungewöhnlichen Orten ein, die Evangelische Kirchengemeinde Burscheid auch. Heute: das Erntedankfest auf einem Bauernhof.

Für Momente wähnt man sich im Bilderbuch verblichener Kindertage

Frank und Julia Paas haben eine Wiese neben ihrem Hof zum Parken freigegeben, die Menschen strömen an einem sonnigen Herbstmorgen in den gepflasterten Innenhof der idyllischen Anlage. Am Ende sind es bald 300 Besucher, viel mehr als erwartet. Die Liedblätter reichen bei  weitem nicht aus. Für Momente wähnt man sich im Bilderbuch verblichener Kindertage. Hühner ziehen ungerührt ihrer Wege, Hähne krähen hemmungslos in die Liturgie hinein, aus dem Hintergrund melden sich ungefragt blökende Kälber.

Der Altar, natürlich: überfüllt mit Erntegaben. Später sollen sie an die Tafel weitergereicht werden. Das erste Lied, natürlich: „Wir pflügen, und wir streuen“. Aber dann, noch vor dem Psalm, sagt Frank Paas ein paar Worte. Und plötzlich bekommt alles einen bewegenden Zusammenhang: das Große und das Kleine, die Welt und dieser bescheidene Hof mit 73 Hektar Land, 65 Milchkühen, 50 Rindern und acht Pensionspferden.

Paas und seine Frau bewirtschaften ihn in der dritten Generation. Gerade befinden sie sich in der zweijährigen Umstellungsphase hin zu einem Biobetrieb. Große Gedanken hat sich der Bauer nicht gemacht, bevor er zu reden beginnt. Aber in diesem Moment kommt ihm in den Sinn, wie viel abhängiger der Betrieb jetzt von den Launen der Natur ist, seit kein Kunstdünger und keine Pflanzenschutzmittel mehr zum Einsatz kommen. Wie sehr Wohl und Wehe von Umständen abhängen, die er nicht mehr in der Hand hat. Es sind nur wenige Sätze, aber sie finden ihren Weg mitten ins Herz. Mein Herz. Hier, an diesem authentischen Ort, leuchtet alles unmittelbar ein. Erntedank – Gott sei Dank.

„Wir nehmen eine Handvoll Erde und bauen an der Zukunft“

Das Buch Das Buch "Feste feiern - Wie wir christliche Feiertage heute begehen können" ist im Neukirchener Verlag erschienen.

„Eine Handvoll Erde“ ist der Gottesdienst überschrieben. Und das Thema ist wortwörtlich mit den Händen zu fassen. In der Tenne, in der im Winter die Kühe Schutz finden, lädt Pfarrerin Annerose Frickenschmidt jetzt die Menschen ein, sich darüber austauschen, wann sie einmal die Hände voller Erde hatten.

Erinnerungen werden wach: an die Kindheit, an die Gartenarbeit, ans Graben und Spielen. Die Kinder werden aufgefordert, Erde in die Schubkarre zu füllen, um später damit einen Apfelbaum, einen Hoffnungsbaum, auf dem Gelände zu pflanzen.  „Wir nehmen eine Handvoll Erde und bauen an der Zukunft“, sagt Pfarrerin Katrin Friedel zur Vorbereitung.

Zum Abendmahl zieht die Gottesdienstgemeinde aus der überfüllten Tenne wieder hinaus auf den Innenhof. Aber selbst er ist noch zu klein für einen Kreis, der alle Besucher fasst. Es ist eine muntere Improvisation, das Austeilen von Brot und Traubensaft verzögern sich – Warten in der Gewissheit, dass es am Ende schon irgendwie für alle reichen wird.  Noch einmal erklingt der Refrain des Eingangsliedes im Rund: „Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn!“

Vier Monate später, mitten im Winter auf dem Hof mit seinen bis zu 300 Jahre alten Gebäuden. Julia Paas sitzt in der Küche und sagt: „Mich berührt Erntedank viel mehr als Ostern. Ich hätte kein Wort herausbekommen.“ Es ist eine gemeinsame Spurensuche nach der besonderen Wirkung, die von dem Gottesdienst ausging.

„Vom Gefühl her bin ich der Schöpfung mit meiner Arbeit nah“

Und vielleicht hat diese Wirkung damit zu tun, dass seine Kulisse bei aller Idylle eben nichts Folkloristisches hat, sondern etwas Zukunftsträchtiges. Auf dem Sieferhof wird versucht, etwas zu bewahren, das gerade wieder neue Bedeutung erlangt: regionale, nachvollziehbare Produktion von Lebensmitteln, verbunden mit größtmöglicher Rücksichtnahme auf die Natur.

„Vom Gefühl her bin ich der Schöpfung mit meiner Arbeit nah, vielleicht näher als andere“, sagt Frank Paas. „Man arbeitet mit Tieren, die man schätzt, man arbeitet mit dem Land und ist von der Witterung abhängig.“ Seine Frau denkt oft, wenn sie über den Hof geht: „Meine Arbeit ist wie aus der Zeit gefallen.“ Die Zahl der Landwirte schwindet und damit die Zahl der Betriebe. „Es gibt Momente, da fühle ich mich wie in einem Museum.“

Wenn sie mal wieder nach der Handhacke greift, sind ihr gedanklich die einfachen Bauern Afrikas näher als die IT-Spezialisten der Agrarwirtschaft. Draußen auf der Wiese wirbt inzwischen ein Schild mit der Aufschrift: „Täglich frische Bio-Milch“.  Und mit den Kundenbesuchen auf dem Hof ist plötzlich auch das Wissen der Alten wieder gefragt: Wie war das noch mal mit dem Quarkmachen?

Im Spannungsfeld zwischen Anforderung und Ressourcen

Wenn sich der Blick dagegen weitet auf die Welt, dann sehen die beiden die Landwirtschaft im Spannungsfeld zwischen der Anforderung, immer mehr Menschen zu ernähren, aber auch den begrenzten Ressourcen, dem Tierwohl und einem behutsamen Umgang mit Medikamenten Rechnung zu tragen. „Immer weniger Leute haben mit Landwirtschaft zu tun, aber immer mehr stellen Forderungen an sie.“ Da paart sich bei Julia Paas das Museumsgefühl mit der Gewissheit, in dem, was sie tut, „gleichzeitig ganz vorne mit dabei zu sein“.  

Erntedank – das heißt an diesem Ort: die Verzweiflung kennen, wenn der Regen ausbleibt und damit die Futtermittel für die Tiere in Gefahr geraten. Das heißt, die Gelassenheit zu finden, „dass wir nicht alles managen können“. Das heißt, trotz aller Sorgen und Ungewissheit wahrzunehmen, dass die Kälber trotzdem wachsen, dass sich vieles am Ende doch fügt. Dass ihr Hof für den Gottesdienst ausgewählt worden sei, habe „eigentlich im Gemeindebrief gestanden, bevor wir es wussten“, erzählt Julia Paas lachend. Aber nach der gelungenen Premiere sei er jetzt schon Tradition, finden beide. Weil der Dank für die Ernte nirgendwo so gut aufgehoben ist wie hier.

Kommenden Sonntag ist es wieder so weit: Erntedankgottesdienst am 7. Oktober 2018, 11 Uhr, auf dem Sieferhof (Adresse: Sieferhof)  bei Familie Paas in Burscheid.

Der Beitrag ist eine Veröffentlichung aus: Wolfgang Thielmann (Hg) ; „Feste feiern. Wie wir christliche Feiertage heute begehen können“,  Neukirchener Verlag 2018, 14,99 Euro.

 

ekir.de / Ekkehard Rüger, Fotos: Dorothea Siewert (2), Neukirchener Verlag (1) / 02.10.2018


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