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Freundschaftsmedaille für Bodelschwingh-Gymnasium: Völlig andere Welt

Die mongolische Steppe gehört zu den Zielen bei Partnerschaftsbesuchen des Bodelschwingh-Gymnasiums Herchen.Die mongolische Steppe gehört zu den Zielen bei Partnerschaftsbesuchen des Bodelschwingh-Gymnasiums Herchen.

Freundschaftsmedaille für Bodelschwingh-Gymnasium

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Als Merle Gerhards (17) den ersten Fuß aus dem Flugzeug auf den Boden in Ulaanbaatar - nach russischer Schreibweise Ulan Bator - setzte, da ahnte sie schon: „Das ist eine völlig andere Welt.“ Schon Zuhause im Bodelschwingh-Gymnasium, dessen Trägerin die Evangelische Kirche im Rheinland ist, hatte sie viel gehört von dem fremden Land zwischen Russland und China. „Aber man muss dort gewesen sein, um diese Dimensionen zu verstehen“, sagt Merle Gerhards, „man fühlt sich plötzlich so klein“.

Wüste, empfunden wie eine MondlandschaftWüste, empfunden wie eine Mondlandschaft

Und dann erzählt die Zwölftklässlerin von der Weite in der Wüste Gobi, von einer Landschaft, die mit nichts in Deutschland vergleichbar sei, von Tänzen und Musik, buddhistischer Tradition und von Menschen, die Gastfreundschaft leben. Zwei Wochen verbrachte Merle Gerhards mit ihrem Vater, Mitschülerinnen und Mitschülern, deren Eltern und einer Lehrerin des Bodelschwingh-Gymnasiums in Ulaanbaatar, der mongolischen Hauptstadt.

Als eine andere zurückgekehrt

Sie begegnete Jugendlichen der Goethe-Schule, Jungen und Mädchen im selben Alter. Und sie kam als eine andere zurück. „Als ich wieder in Deutschland war und am Bahnhof stundenlang auf einen Zug warten musste, da dachte ich: Wie würden jetzt die Menschen in der Mongolei damit umgehen?“ Sie erinnerte sich an die Gelassenheit der neuen Freunde am anderen Ende der Welt, an ihren Umgang mit Zeit. „Und da wurde ich selber ganz gelassen.“

Erkenntnisse wie diese hat sich die Schulleitung des Herchener Gymnasiums gewünscht, als sie vor 16 Jahren eine Partnerschaft auf den Weg brachte. Damals leitete noch Jürgen Deichmann die Schule. Er hatte in Japan studiert. Seine Liebe zu Asien ermöglichte schließlich den Schulterschluss über rund 6.700 Kilometer hinweg.

Auch Grasflächen mit Wasserläufen lernen Gruppen aus Herchen kennen.Auch Grasflächen mit Wasserläufen lernen Gruppen aus Herchen kennen.

Auch Tiefen

„Damals hat die Schulleiterin der Goethe-Schule in Ulaanbaatar nach einer Partnerschule gesucht“, erzählt die heutige Schulleiterin Dr. Judith Pschibille, „und Jürgen Deichmann antwortete.“ Er begründete jene Partnerschaft zwischen den beiden Schulen, die nun über 16 Jahre mit Höhen und Tiefen besteht und gepflegt wird.

Das sei nicht immer leicht gewesen, weil die Mentalität der Menschen dort und hier so unterschiedlich sei, räumt die Schulleiterin ein. Langfristige Planungen seien fast nicht möglich, Organisation werde unterschiedlich definiert. „Wir mussten lernen, dass es nicht darum geht, dass die mongolischen Partner diese Freundschaft nicht wertschätzen“, sagt Dr. Pschibille, „sie gehen die Dinge einfach anders an.“ Hilfe bekamen sei bei diesem Verständnisgewinn von einer Lehrerin aus Ulaanbaatar, die sich für eine Zeit dem Kollegium in Herchen anschloss.

Eindrücke, die einem keiner mehr nimmt

Und trotz mancher Unterschiedlichkeit wissen Deutsche und Mongolen ihre Freundschaft zu schätzen. „Wir fühlen uns durch diese Begegnung sehr bereichert“, sagt die Schulleiterin. Völkerverständigung sei der Schule wichtig – aus friedenspädagogischen Gründen. „Wenn wir uns verstehen und schätzen lernen, dann fördern wir den Frieden“, ist sich Dr. Judith Pschibille sicher. Und fast wie nebenbei lerne man bei so einem Austausch auch viel über sich selbst.

Alle zwei Jahre machen sich die Gymnasiasten mit einem Elternteil und einer Lehrerin auf den Weg nach Ulaanbaatar und werden dort in Gastfamilien untergebracht. Ausflüge in die Wüste, Begegnungen in der Schule, die Teilnahme am Unterricht und kulturelle Veranstaltungen stehen dann auf dem Programm. „Und diese Eindrücke bleiben“, sagt Merle Gerhards, „die nimmt einem keiner mehr.“

Auch umgekehrt eine fremde Welt

Der Gegenbesuch folgt dann im Frühling des folgenden Jahres: Jungen und Mädchen der Goethe-Schule in Ulaanbaatar, die dort Deutsch lernen, kommen für vier Wochen ins Rheinland. „Und auch für sie ist das hier eine fremde Welt“, weiß Merle Gerhards. Haustiere kennen Mongolen nicht, ihre Mahlzeiten sind viel fleischhaltiger und als sie mit ihrer Gastschülerin über das Wochenende ans Meer fuhren, erlebte das Mädchen eine Premiere. „Sie war nie zuvor am Meer gewesen“, erzählt die Herchener Schülerin, „das war totales Neuland für sie und für uns war es schön, zu sehen, welche Freude ihr das macht.“

Neben den Ausflügen – auch mal zu Karnevalssitzungen – und dem gemeinsamen Unterricht, einem großen Fest mit mongolischen Spezialitäten, Tänzen und Musik widmen sich die Schüler aus der Mongolei während ihres Aufenthalts in Deutschland auch einem eigenen Projekt. Mal Kunst, dann Politik oder Sprache: „Nach ihrer Rückkehr steht für viele Schüler der Deutschtest an“, sagt Dr. Pschibille. Wenn sie ihn bestehen, stehen ihnen die Türen in deutsche und österreichische Universitäten offen.

Es sind wirklich Freundschaften entstanden

„Diese Partnerschaft bleibt etwas Besonderes“: Da sind sich Schülerin und Schulleiterin einig. Und so sehen es wohl auch die Partner in der Mongolei. Denn deren Präsident verleiht der Schulleiterin als Anerkennung, weil sie die Pflege der deutschen Sprache unterstütze, die Freundschaftsmedaille.

Dazu machen sich Dr. Judith Pschibille und Jürgen Deichmann auf den Weg in die mongolische Botschaft nach Berlin. „Wir freuen uns über diese Honorierung“, sagt sie. Und die Medaille habe ihren Namen verdient. Denn sie stellt fest: „Es sind wirklich Freundschaften entstanden.“

 

ekir.de / Theresa Demski, Fotos BGH / 23.10.2018


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