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Friedenswege und die Schrecken des Krieges

Kunstprojekt „Frieden. Von der Antike bis heute“ beschäftigt sich mit Licht- und Schattenseiten christlicher Friedensideen

Exponat von Wilhelm Lehmbruck: „Der Gestürzte“

©epd-Bild/Friedrich Stark

Das Thema „Frieden“ wird aus kulturhistorischer sowie stadtgeschichtlicher und christlicher Perspektive mit internationalen Exponaten präsentiert. (Foto: Exponat von Wilhelm Lehmbruck: „Der Gestürzte“)

Am 19. Dezember 1944 schreibt der evangelische Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer einen Brief an seine Verlobte Maria von Wedemeyer. Er ist seit über 20 Monaten in Gestapo-Haft und muss mit seiner Hinrichtung rechnen. An das Ende des Briefes fügt er als Weihnachtsgruß ein selbst geschriebenes Gedicht an. Es beginnt mit den Zeilen: „Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.“ Maria von Wedemeyer macht eine Abschrift von dem Gedicht, das mehrfach vertont wurde und heute ein bekanntes Kirchenlied ist.

Das besondere Zeitdokument ist Teil der großen Themenschau „Frieden. Von der Antike bis heute“, die am 28. April in Münster eröffnet wurde. Die Houghton-Library der US-amerikanischen Elite-Universität Harvard, in deren Besitz der Originalbrief ist, leiht das Dokument erstmals für eine Schau in Deutschland aus. Vier Münsteraner Museen beleuchten bis zum 2. September in fünf Ausstellungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln das Streben nach Frieden in Gesellschaft und Kunst vergangener Epochen.

Anlass sind das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren sowie die vor 370 Jahren in Münster und Osnabrück geschlossenen Verträge zum Westfälischen Frieden, die im Jahr 1648 den Dreißigjährigen Krieg in Deutschland beendeten. An dem Projekt sind das LWL-Museum für Kunst und Kultur, das Bistum Münster, das Kunstmuseum Pablo Picasso, das Stadtmuseum und das Archäologische Museum beteiligt.

 

Bonhoeffers Brief ist im Ausstellungsteil des Bistums Münster zu sehen, das im LWL-Museum für Kunst und Kultur rund 100 Leihgaben aus 2.000 Jahren präsentiert. Unter dem Titel „Frieden. Wie im Himmel, so auf Erden?“ geht es um die Licht- und Schattenseiten christlicher Friedensideen. „Wir wollen zeigen, was unter einem christlichen Friedensverständnis zu verstehen ist, wie Christen diesem Anspruch gerecht werden oder an ihm scheitern“, kündigt Kurator Thomas Fusenig an. Das Bistum Münster ist in diesem Jahr auch Gastgeber des 101. Deutschen Katholikentages vom 9. bis 13. Mai unter dem Motto „Suche Frieden“.

Wege zum Frieden stellt das Museum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) in seinem Hauptausstellungsbereich in den Mittelpunkt. Der zeitliche Rahmen reicht vom Mittelalter bis in die Gegenwart. 180 Werke namhafter Künstler wie Peter Paul Rubens, Eugène Delacroix, Wilhelm Lehmbruck oder Käthe Kollwitz zeigen auf unterschiedliche Weise das Ideal einer Welt ohne Aggressionen.

„Flandern“, Picassos Friedenstaube und „Guernica“

Auffallend dabei ist, dass im 20. Jahrhundert eher der Schrecken des Krieges als der Frieden dargestellt wird. Exemplarisch dafür steht das Gemälde „Flandern“ von Otto Dix. Zu sehen ist ein Schlachtfeld mit Soldaten, die im Schlamm kauern. „Das Bild ist in den 1930er Jahren entstanden und kann als Vorahnung des Zweiten Weltkriegs gedeutet werden“, erklärt Kuratorin Judith Claus.

Das Picasso Museum veranschaulicht in seiner Ausstellung die künstlerische Auseinandersetzung des berühmten spanischen Malers mit Krieg und Frieden. Präsentiert werden rund 60 Werke, darunter Variationen von Picassos Friedenstaube und die Rezeptionsgeschichte seiner Friedensbilder. Herzstück ist eine Reproduktion des monumentalen Wandgemäldes „Guernica“ (1937). Für eine 2009 entstandene Serie nutzte die Berliner Künstlerin Tatjana Doll Picassos Werk als Ausgangsmotiv und fügte herunterlaufende Lackfarbe hinzu. Dolls Werk „RIP_Im Westen Nichts Neues II“ sei ein Beispiel dafür, wie Gegenwartskünstler mit der Tradition kommunizieren, sagt Museumsmitarbeiter Alexander Gaude.

Die Dessauer Friedensglocke

Das Münsteraner Stadtmuseum lenkt den Blick auf den Westfälischen Frieden. Anhand von historischen Dokumenten und Fotografien wird unter anderem rekonstruiert, was die Nationalsozialisten zum 300. Jubiläum des Endes des Dreißigjährigen Krieges im Jahr 1948 weit im Voraus geplant hatten. Das Archäologische Museum in Münster steuert zur Themenausstellung antike Schätze aus der Zeit vom achten Jahrhundert vor Christus bis ins dritte Jahrhundert bei.

Das mit vier Tonnen wohl schwerste Ausstellungsobjekt ist die Dessauer Friedensglocke. Sie wurde aus unbrauchbar gemachten DDR-Waffen gegossen und steht seit 2002 in der ostdeutschen Stadt. Für die Friedensausstellung ist sie vor dem Eingang des LWL-Kunstmuseums am Domplatz zu sehen.

Helmut Jasny (epd)

Öffnungszeiten: Di bis So 10-18 Uhr, montags geschlossen. Informationen zur Ausstellungen und zu Führungen, Telefon 0251/5907 201; E-Mail: info@ausstellung-frieden.de. Kombiticket für alle Ausstellungen: Erwachsene 25 Euro, ermäßigt 16 Euro 

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