5 minutes reading time (1090 words)

Reformationstag 2018: Freiheit - wichtig und gefährdet

Luther-Bildnis von Lucas Cranach der Ältere, ca. 1529Luther-Bildnis von Lucas Cranach der Ältere, ca. 1529

Reformationstag 2018

Vorlesen

Bonn: Lebensthema Freiheit

Mehr als tausend Menschen waren wieder gekommen: zur zentralen Bonner Reformationsfeier am Abend des Reformationstages in der Kreuzkirche. Die Bonner Theologieprofessorin Cornelia Richter predigte im Festgottesdienst über die Freiheit. „Freiheit ist geschenkt, bedroht und umkämpft zugleich“, so Richter. Für viele Menschen heute sei sie selbstverständlich, das aber sei trügerisch. Andere wieder überfordere die Freiheit, sie sei aber „elementar für menschliches Leben“.

Cornelia Richter betonte: „Freiheit ist nie nur meine eigene, sondern auch die der anderen.“ Darum müsse sie immer wieder ausgehandelt werden, weil sie sich mit der Zeit verändere. Für den Apostel Paulus sei Freiheit „der Kern christlichen Glaubens, für die Reformation ist die Freiheit ein Schlüsselthema, für den evangelischen Glauben heute ist sie ein Lebensthema.“

Der Bonner Superintendent Eckart Wüster ging in seiner Ansprache mit dem Umgang der Menschen in Teilen der Gesellschaft ins Gericht: Gewaltausbrüche in Wort und Tat nähmen zu, er beklagte zunehmenden Antisemitismus: Die Angriffe auf Jüdinnen und Juden nähmen 80 Jahre nach dem Pogrom zu. Viele Juden auch in Bonn und der Region lebten in Angst und trauten sich nicht mehr, öffentlich eine Kippa zu tragen.

Der fürchterliche Anschlag in Pittsburgh in den USA, offensichtlich erwachsen aus einem tiefsitzenden Hass auf Juden, zeige, wie sich Hetze und Hass in Gewalttaten auslebten. „Je aggressiver unsere Sprache ist, umso stärker fühlen sich einige ermutigt, dem auch Taten folgen zu lassen. Die Jüdinnen und Juden brauchen unser aller Solidarität und Schutz.“ Mehr: Bericht und Predigtmanuskript

 

Düsseldorf: Digitalisierung und das Erbe der Reformation

„Die digitale Revolution gestalten – eine evangelische Perspektive“, darüber sprach Professor Dr. Paul Melot de Beauregard, Rechtsanwalt udn Mitglied des Bundesvorstandes des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer (AEU), beim Reformationsempfang des Kirchenkreises Düsseldorf in der Johanneskirche. Für die Digitalisierung beleuchtete er anhand von drei Stichworten: künstliche Intelligenz, damit verbunden neue Geschäftsmodelle, die der digitale Wandel hervorbringt, und einen dadurch entstehenden Kulturwandel.

Wesentlich bei allen diesen Veränderungen durch die Digitalisierung weltweit ist für ihn die eigene Haltung zu den Wandlungsprozessen im Netz. Neben der Bereitschaft zum lebenslangen Lernen betrachtet er die „evangelische Tradition des Fragenstellens“ als hilfreich, um zu einer eigenen Haltung zu finden. Als Gerüst für das eigene Handeln dient das Erbe der Reformation: „Freiheit und Verantwortung“. Mehr: Bericht mit Fotos

 

Essen: Ohne Würgegriff der Selbstoptimierung

Dass der christliche Glaube die Menschen auch heute angeht, war Thema von Oberkirchenrätin Henrike Tetz in der Kreuzeskirche in Essen. „Der Glaube eröffnet neue Lebensperspektiven für jeden und jede einzelne von uns.“ Er ermögliche den Menschen, ihr Fähigkeiten zu entfalten, ohne in den Würgegriff einer falsch verstandenen Selbstoptimierung zu geraten. „Und er entfaltet eine besondere Relevanz für unsere Gesellschaft überall dort, wo Menschen unwürdig behandelt werden, ihre Würde nicht geachtet wird.“

Das zeige sich etwa gegenwärtig in der Flut von Hassparolen. „Wutbürgerinnen und Wutbürger überschreiten Grenzen einer angemessenen politischen Auseinandersetzung. Aktivisten missachten im Einsatz für die Schöpfung ihre Mitmenschen. In dieser Situation  können Christinnen und Christen mit ihrem Glauben zum Glücksfall für alle werden: Denn sie stehen für die gute Chance, dass die Würde jedes Menschen in den Blick kommt und geachtet wird.“ Mehr: ausführlicher Bericht und Foto

 

Köln: "Glutkern" Freiheit

Frommer Wunsch? Energievolle Einschwörung? Die Erschöpfung nach den ausgiebigen Feiern des 500. Reformationsjubiläums verfliege. "Jetzt fängt es richtig an", sagte der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende und Bischof i.R. Prof. Wolfgang Huber bei der Kölner Reformationsfeier. Wir entdeckten den "Glutkern" des Glaubens: Ein Christenmensch ist ein freier Mensch. 

In der Kölner Trinitatiskirche betonte der Berliner Alt-Bischof die Bedeutung der Gemeinschaft für die Kraft der Freiheit. "Es geht nicht nur um individuelle Freiheit, es kommt darauf an, dass sie uns Menschen miteinander verbindet", sagte er. Mit dem Ausleben von individuellem oder nationalistischem Egoismus werde die Freiheit in ihr Gegenteil verkehrt. Es lohne sich für die gemeinsame Freiheit zu streiten, mit Leidenschaft und Augenmaß. Mehr: Hubers Predigt im Video und Bericht

 

Oberhausen: Das Maul aufreißen

Auf die Bedeutung des Reformationstags für den christlichen Glauben im Jahr 1 nach dem 500. Reformationsjubiläum hat Oberkirchenrätin Barbara Rudolph am Reformationstag in Oberhausen hingewiesen. Den Glauben zu leben, sei keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Abenteuer, sagte Rudolph im Gottesdienst des Evangelischen Kirchenkreises Oberhausen in der Evangelischen Kirche Alstaden. „Wir brauchen Christinnen und Christen, die, mit Luther gesprochen, das Maul aufreißen.“ Es brauche heute die Bereitschaft zum Protestantismus, zum furchtlosen Protest, zur Verantwortung jeder Einzelnen, jedes Einzelnen.

Rückblickend sagte die Theologin: „Im Jubiläumsjahr haben wir neu entdeckt, wie viel die Konfessionen gemeinsam haben“, sagte sie und verwies etwa auf die mit dem Bistum Essen 2017 geschlossene Vereinbarung „Ökumenisch Kirche sein“. Rudolph: „Die Aufgaben sind zu groß, als dass wir uns in einem Streit verzetteln können, der einst im Himmel wenig austragen wird. 500 +1: Die Herausforderungen sind immens, sodass wir alle Kräfte gemeinsam brauchen. Und die Sehnsucht nach Glaubensgewissheit, Glaubensfreude und Glaubenstrost ist zu stark, als dass meine Kraft dafür gebraucht wird danach zu suchen, was ich am Glauben der anderen falsch finde, sondern mich an dem freue, was auch meinen Glauben stärkt.“

 

Werdorf: Christliche Botschaft der Freiheit

Präses Manfred Rekowski hat zum Reformationstag 2018 die christliche Botschaft von der Freiheit gewürdigt. Die Freiheit gehöre „zu den wichtigsten und gleichzeitig auch am meisten gefährdeten Werten unserer Zeit“, sagte der leitende Geistliche der rheinischen Kirche im Reformationsgottesdienst der Evangelischen Kirchengemeinde Werdorf im hessischen Aßlar. „Eine ungehemmte Marktwirtschaft und der freie Handel sind das Glaubensbekenntnis der westlichen Welt. Freiheit ohne Grenzen! Aber diese Freiheit verhindert nicht, dass die Schere zwischen Arm und Reich in unserer Welt immer mehr auseinanderklafft, sie befördert sie wohl noch. Für diese Freiheit, die zulasten anderer geht, zahlen viele Menschen einen viel zu hohen Preis.“

 

EKD: Rückenwind für den Reformationstag

Am 501. Feiertag zum Gedenken an den Thesenanschlag von Martin Luther in Wittenberg haben bundesweit wieder zehntausende Gottesdienste und Veranstaltungen kultureller und religiöser Natur stattgefunden. Am historischen Ort der Reformation gab es ein fröhliches Reformationsfest und feierliche Gottesdienste. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Prof. Heinrich Bedford-Strohm, freute sich nach seiner Predigt in der voll besetzten Schlosskirche über das Interesse an der Reformation vor mehr als 500 Jahren. „Die reformatorische Botschaft der Zuversicht ist hoch aktuell. Wir haben auch heute allen Grund, die Angstmacher und falschen Ablassprediger zu stellen.“ Es sei deutlich spürbar, dass es über das Jubiläum hinaus und auch außerhalb der Kirchen eine gestiegene Aufmerksamkeit für diesen Tag mit seiner befreienden Botschaft gibt. 

Gottesdienste und Feiern waren bis zum letzten Platz gefüllt. Angesprochen durch den Reformationstag fühlte sich auch die jüngere Generation. So feierten Zehntausende junge Menschen am Abend des Reformationstags an vielen Orten in Deutschland die „ChurchNights“. EKD-Pressemitteilung Rückenwind für Reformationstag

 

ekir.de / ger, neu, up, wb, epd / 31.10.2018


© 2018, Evangelische Kirche im Rheinland - EKiR.de
Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung nur mit Genehmigung.
Digitalisierung mit ethischen Werten
Reformationsgedenken