Meine engen Grenzen – Predigt am 01.08.2021

2 ½ Wochen ist es jetzt her, dass das Leben in Erftstadt und in anderen Teilen Deutschlands, aber auch in Belgien und den Niederlanden nicht mehr so ist, wie es war und auch nie mehr so sein wird.

Wir haben Grenzerfahrungen erlebt; die Angst um unser Leben, die Angst um das Leben unserer Familien und Nachbarn, unserer Tiere, die Angst um Hab und Gut. Wasser im Keller und im Erdgeschoss, Wasser im Garten und auf den Feldern: Grundwasser, schlammverschmutztes und ölverschmutztes Wasser, ja auch verseuchtes Wasser. Und viele Tage lang die bangende Sorge: Hält die Steinbachtalsperre dem Druck stand und kann das verstopfte Grundabflussrohr von Geröll und Schlamm befreit werden. Ängste über Ängste.

Und am Ende stehen hier in Erftstadt Menschen vor den Trümmern ihres Lebens und ihres Hab und Guts. Sie sind traumatisiert und wissen nicht, wie sie weiterleben können. Weggeschwemmte und zerstörte Einrichtungen, Fotoalben, Liebgewonnenes und Geschätztes, Lebensgrundlagen, alltägliche Gebrauchsgegenstände, Papiere, zerstörte und unterspülte Häuser.

Wir hatten es nicht in der Hand. Niemand wusste, wo und wie die Fluten sich ihre Bahnen suchen würden. Niemand wusste, ob er oder sie verschont bleiben würde oder nicht. Und zu viele Menschen wussten überhaupt nicht, was da auf sie zukommt, vielen war plötzlich der Fluchtweg abgeschnitten. Und nun die Fragen: Hätten wir doch vorher informiert werden können? Wurden Warnmeldungen gar zurückgehalten?

Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor dich. Wandle sie in Weite, Herr, erbarme dich. So lautet die erste Strophe eines Liedes in unserem Gesangbuch (EG 600). Eigentlich ist dieses Lied ein Gebet: Gott, erbarme dich, Gott erhöre uns!

Meine engen Grenzen! Ja, wir haben Grenzen erlebt und wir sehnen uns nach Weite, nach Perspektiven, nach Unbeschwertheit, nach Zukunft. Und erleben, wie wir Schritt für Schritt weiter leben, irgendwie funktionieren und organisieren. Da sind die Grenzen und da ist die Weite. Da ist das zerstörte Leben und da sind die Helfer; die, die es gut meinen und anpacken. So viele, dass in Liblar rund um die Zufahrt nach Blessem ein absolutes Halteverbot herrschte. Da ist die Sorge um die Umweltschäden und die Statik so vieler Häuser, die scheinbar unüberbrückbare Mauer all dessen, was zu tun ist und die finanziellen Grenzen und da ist die Erkenntnis, dass es irgendwo anzupacken gilt und man Schritt für Schritt irgendwie vorwärts kommt, aber zugleich weiß, es wird Monate, wenn nicht sogar Jahre dauern – oder auch unmöglich sein. Und da ist das Wissen um die Menschen, die wirklich alles verloren haben.

Meine ganze Ohnmacht, was mich beugt und lähmt bringe ich vor dich. Wandle sie in Stärke, Herr, erbarme dich. So heißt die zweite Strophe des Liedes. Menschen sind ohnmächtig, gelähmt, gebrochen. Wie kann es weitergehen, wenn ich von vorn anfangen muss. Und wie ergeht es Menschen, die Fluchterlebnisse haben und jetzt – wenn auch aus ganz anderem Grund – erneut vor dem Nichts stehen. Nur noch das haben, was sie am Körper trugen, durchnässt, verschlammt oder vielleicht doch einen kleinen Rucksack voller Dokumente retten konnten.

Wandle meine Ohnmacht in Stärke. Das wünsche ich allen Betroffenen von Herzen. Manche Menschen aus Ahrweiler berichten, dass Aufgeben keine Option ist. Das finde ich mutmachend und hoffnungsvoll. Und als Kind der 60ger Jahre muss ich demütig sagen, dass meine Generation bislang von Krieg und Katastrophen im eigenen Land verschont geblieben ist. Das ist ein Grund, dankbar und zugleich auch hilfsbereit den Betroffenen gegenüber zu sein. Interessanterweise erhalten wir viele Spenden von Menschen, die Flutkatastrophen schon erlebt haben. Oder: Spenden aus unserer ehemaligen Partnergemeinde aus Tröbitz. Besorgte Anrufe aus Süd-Afrika, oder ganz spontan die Kirchengemeinde aus Bottrop: Brückenbau nach Erftstadt nennen sie ihr Projekt und sie haben schon mehrere Tausend Euro gespendet. Solche Aktionen sind wirklich mutmachend. Und sie zeigen uns, dass viele Menschen die Not der anderen sehen.

Und noch ein Beispiel möchte ich nennen: Das Tierheim in Remagen ist eine Plattform für vermisste und gefundene Tiere, die während des Hochwassers aus ihren Familien gerissen worden waren. Manche Besitzer geben ihre Tiere dort auch in Betreuung und hoffen auf Futterspenden, zumal sie während der Reinigungs- und Aufbauarbeiten sowie bei Behördengängen ihre Tiere nicht mitnehmen können und werden sie später wieder abholen. Und auch tote Tiere werden in Remagen erfasst, denn nichts ist schlimmer als die Ungewissheit.

Mein verlornes Zutraun, meine Ängstlichkeit bringe ich vor dich. Wandle sie in Wärme, Herr, erbarme dich, so lautet die dritte Strophe. Wir brauchen Vertrauen. Vertrauen in die Menschheit, Vertrauen in die eigenen vier Wände – ob es die alten oder neue sind, Vertrauen zu uns selbst und natürlich: Vertrauen zu G´tt.

Angst frisst Vertrauen auf. Und Angst frisst unsere Seele auf. Aber es ist so tragisch. Bedingt durch die Corona-Pandemie haben viele Menschen ihre eigenen vier Wände wieder neu entdeckt. Die Baumärkte waren leergefegt, weil Menschen sich ihr Eigenheim verschönern wollten. Haben ihre Gärten neu angelegt und verschönert, haben renoviert, haben ihr Heim neu entdeckt und sich geborgen gefühlt. Statt Reisen zu Hause neue Kraft schöpfen – und nun ist auch dies vielen genommen. Aufgeben ist keine Option! Das hoffe ich, das wünsche ich allen Menschen, die am Ende ihrer Kräfte sind.

Meine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit bringe ich vor dich. Wandle sie in Heimat: Herr, erbarme dich. So lautet die vierte Strophe. Ja, wir sehnen uns nach Geborgenheit, nach Wärme, nach Heimat.

Bleiben oder wo anders neu anfangen? Das ist die Frage so vieler Menschen. Winzer aus Dernau sagen: Hier ist unsere Heimat, hier stehen unsere Weinberge seit Generationen. Da will man nicht weg. Und auf der anderen Seite ist da ein kleiner Junge aus Blessem, der wohl nie wieder zu Hause glücklich sein wird. Er liebte es, ins Schwimmbad zu gehen, aber nachdem die Fluten die Flucht aus dem Haus verhindert hatten und die Familie nur noch durch den Garten waten konnte, hat er nun panische Angst vorm Wasser.

Die Fluten haben uns alle verändert. Mögen wir miteinander unsere Zukunft gestalten, sensibel sein für das Leid der anderen und mithelfend. Ich wünsche uns, dass der Zusammenhalt, den viele jetzt verspüren, bleibt. Corona hatte uns zur Distanz gezwungen, nun brauchen wir die Nähe, um einander zu stützen und zu helfen. Leider steigen die Coronawerte wieder, aber wir haben gelernt, uns zu schützen und aufeinander acht zu geben. Wir dürfen unsere Sensibilität und Hilfsbereitschaft nicht verlieren. Und auch unsere Verantwortung der Natur gegenüber. Die Schöpfung bewahren heißt unseren, ja unser aller Lebensraum bewahren.

Meine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit bringe ich vor dich. Wandle sie in Heimat: Herr, erbarme dich. Wandle sie in Heimat für alle! Amen.

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