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Aktuelles

Situation in Südafrika

​Aus einem Brief von Pfarrer Joe Lüdemann aus Durban/Südafrika (unsere Partnergemeinde)

Zum ersten Mal habe ich am Samstagnachmittag eine Predigt in einer Kirche vor leeren Bänken gehalten, auf Video aufgenommen und über YouTube und Facebook ins Internet gestellt. Der link wurde über diverse WhatsApp-Gruppen unserer St. Michael’s Innenstadtgemeinde und der Durban Central Parish (Kirchspiel mit sechs Gemeinden) „unters Volk gebracht“. Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen...

Was in Deutschland in diesen Wochen schon auf zahllosen Gemeinde-Internetseiten die neue Norm ist, ist aus unterschiedlichen Gründen im südafrikanischen Kontext nicht für alle leicht nachvollziehbar:

  • ​Nicht alle haben ein Smartphone, geschweige denn einen Computer – sie alle können nicht „mitfeiern“
  • ​Smartphone-Besitzende haben noch lange nicht genügend „Data“. Daten-Flatrates, wie sie in Deutschland üblich sind, sind hier für die Normalbevölkerung unbezahlbar. Daten-intensive Video-Übertragungen sind teuer.
  • ​Eher theologisch geartete Anfragen lauten: Ist Euer Glaube so klein, dass Ihr dem Corona-Virus nun auch schon das Haus Gottes überlasst? Satan hat ein leichtes Spiel mit Euch

In einer Kirche, deren Gottesdienste von der sehr aktiven Mitwirkung der Gemeindeglieder leben – durch Gesang, Tanz und hörbare Reaktionen der Mitfeiernden während der Predigt, scheint eine vor leeren Bänken aufgenommene Predigt weit entfernt vom üblichen Gottesdiensterleben. Es ist ein schwieriges Abwägen zwischen einer epidemiologisch verantwortlichen Praxis in einem Land, dessen Gesundheitssystem mehr als das vieler europäischer Länder völlig von einer steigenden Zahl von Erkrankungen überfordert wäre einerseits und anderseits dem Gebot an Kirchen, gerade in einer Zeit der großen Verunsicherung die Zusage der Nähe Gottes eigenen Gemeindegliedern erfahrbar zu machen. Immerhin haben am nächsten Tag bereits 600 Menschen mal in die YouTube-Predigt hineingeschaut.

In einer Ansprache am Abend des 15.3.2020 wandte sich Präsident Ramaphosa mit eindringlichen Worten, deutlichen Appellen und klaren Vorschriften an die südafrikanischen Bürger. Kirchen sind besonders von der Regelung betroffen, dass keine Gruppenveranstaltungen mit mehr als 100 Teilnehmenden erlaubt sind. Davon sind in einem Land, in dem der Gottesdienstbesuch für einen beachtlichen Teil der Bevölkerung zur Feier des Sonntags dazugehört, viel mehr Gemeinden betroffen, als dies in Deutschland der Fall sein mag. Einige versuchen das Anbieten von öffentlichen Gottesdiensten beizubehalten in dem sie nun in Schichten mehrere Gottesdienste halten. Das müssten dann in unserer St. Michael’s Gemeinde mit einem durchschnittlichen Gottesdienstbesuch von 350 vier Schichten sein. Die strengen Auflagen im Hinblick auf den Gebrauch von ohnehin kaum mehr erhältlichen Desinfektionsmitteln wären in so einem Szenario nicht nur wenig wirksam, sondern auch praktisch (und finanziell) kaum umsetzbar. So hat St. Michael‘s als erste Gemeinde (womöglich ELCSA-weit) bereits am Dienstag vergangener Woche beschlossen, alle Gottesdienste und sonstige kirchliche Veranstaltungen bis auf weiteres auszusetzen.

[…] Das Gebot der Stunde in der Gesellschaft lautet: „social distancing“. Dies ist der Aufruf zwei Meter Distanz zum Mitmenschen zu halten und alle Art von Gruppenaktivitäten möglichst meiden. Was in einem Kirchgebäude möglicherweise noch mit „Gottesdiensten in Schichten“ halbwegs umzusetzen ist, ist allerdings für überwältigende Mehrheit der Bürger in allen Ländern dieser Region (und wohl des Kontinents!) schlichtweg unmöglich. Warum?

 Zu Hause bleiben können sich höchstens ein Teil der „oberen 10 000“ erlauben. Wie macht eine Hausangestellte oder ein Minenarbeiter „home office“? Woher kommt das Einkommen der Oma, die am Straßenrand Obst, Süßigkeiten oder kleine Mahlzeiten an Fußgängerkundschaft verkauft, wenn sie zu Hause bleibt? Was tun, wenn Kindergärten und Schulen geschlossen sind? Was teils schon für BürgerInnen Deutschlands schwierig umzusetzen ist, ist für Großteil der SüdafrikanerInnen schlicht unmöglich. Die wirtschaftlichen Konsequenzen der Krise sind nicht erst am Monatsende oder in ein paar Monaten zu spüren, sondern vom ersten Tag an – und zwar insbesondere in dem riesigen „informellen Sektor“ der Wirtschaft, der nicht steuer-technisch erfasst und so auch nicht vom Arbeitsgesetzt geschützt ist – Lohnfortzahlung im Krankheitsfall? Fehlanzeige. Wenn viele Selbständige in Deutschland auch spüren: der Konkurs ist wenige Wochen entfernt, so fragen sich hier viele: Was kann ich meinen Kindern heute Abend zu Essen bieten?

  • ​„Social Distancing“ in einer Blechhüttensiedlung ist schlicht und ergreifend unmöglich. Wenn sieben Menschen auf 9m2 leben und die nächste Blechhütte einen Meter entfernt steht und für 30 Blechhütten ein Wasserhahn und keine Toilette zur Verfügung stehen, dann gibt es hier keinen Ausweg.
  • ​Für die bei knapp 30% Arbeitslosigkeit sich glücklich schätzende arbeitende Bevölkerung läuft der Weg zur Arbeitssteile fast unweigerlich über ein Sammeltaxi: d.h. dass 14 Menschen dicht gedrängt in einem Fahrzeug nicht viel größer als ein VW Bulli sitzen – für die Ausbreitung des Corona-Virus katastrophal. Auch hier gilt: für fast alle ist diese Fahrt keine Wahl, sondern ein „muss“ – auch in Corona-Zeiten, um am Abend der Familie etwas zum Essen geben zu können

Eine weitere Sorge treibt viele Menschen der Region um: Mit den immer noch sehr hohen HIV-Infektionsraten und der großen Menge an Tuberkulose-Kranker ist der Prozentsatz der „Hochrisiko-Patienten“ als Teil der Gesamtbevölkerung um ein vielfaches höher, als dies z.B. in Deutschland (selbst mit dem höheren Anteil an älteren Menschen in der Bevölkerung) der Fall ist. Was ist, wenn die Epidemie z.B. in Südafrika nicht rechtzeitig eingedämmt werden kann. Was passiert, wenn die Infektionskurve nicht niedrig genug gehalten werden kann? Davor fürchten sich hier alle.

Inzwischen liegen die täglich aktualisierten Infektionszahlen für Südafrika vor: von 274 auf 402 – ein Anstieg um ca. 48% an einem Tag (Stand 23.3.2020 12h00). Ist der beängstigende Infektionszuwachs in diesem Land noch aufzuhalten?

Wie bei vielen der großen Herausforderungen, denen die Menschen der Region und des Kontinents insgesamt sich in den vergangenen Jahrzehnten stellen müssen, so scheint auch diese unüberwindbar zu sein. Ist nicht genau dies der Ort, an dem Gottes Mission erst recht einen Gang zulegen muss? ...einen Gang zulegen durch:

  • das Weitergeben der Hoffnung, die Jesus uns gerade durch seinen Leidensweg verdeutlicht, den wir in dieser Passionszeit bedenken und für uns durchbuchstabieren. Was heißt das, wenn Jesus sagt: „Laß Dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig?“ (2. Korinther 12:9) ...bestimmt nicht, jetzt die Hände (in den Schoß) zu falten und nichts zu tun, aber sehr wohl sich durch Jesus beflügeln zu lassen. Das kann heißen, sich in dieser Zeit, die auch hier im Süden bald Panikstarre hervorrufen wird (aber das sich Selbst-Isolieren nur den wenigen Reichen als Ausweg lassen wird), dann eben die Kraft Gottes in Aktion zu sehen und sich von ihr getragen und motiviert wissen – auch angesichts überwältigender Herausforderungen. Ich ahne, dass dieses sich in schwierigen Zeiten ganz besonders Gott in die Arme zu werfen – um dann von ihm ermutigt am eigenen Ort in den Dienst gestellt zu werden, hier bereits lange ein weit verbreitetes Phänomen christlichen Glaubens ist: die vielen Großmütter, die die Kinder ihrer an AIDS verstorbenen Kinder großziehen mussten; die vielen jungen Menschen, für die während der Apartheidszeit ein Leben zweiter oder dritter Klasse vorgesehen war und die sich dagegen stemmten und häufig dafür mit dem Leben zahlten (am 21. März feierten wir in SA Human Rights Day in Erinnerung an das Massaker von Sharpeville von 1960, bei dem vor genau 60 Jahren 69 Menschen bei einer Protestaktion gegen die Apartheidsregierung erschossen wurden). Die Menschen, von denen die Mehrheit hier in der Region bereits so reich mit einer „Sprachfähigkeit in Sachen Glauben“ beschenkt sind, wird Kirche weiterhin darin bestärken, dass für sie die erlebte Realität der erlösenden Gegenwart Gottes im Alltag auch in dieser neuen Corona-Epidemie gilt!
  • Wir müssen als Kirche einen Gang zulegen in unserem verantwortlichen Bemühen in einer Zeit von „social distancing“ und „social isolation“ den Menschen auch auf neue Art und mit neuen Medien besonders nah zu sein – Mut zu spenden, Trost zu spenden, aber auch einfach ein offenes Ohr zu haben und zuzuhören ob per WhatsApp, Telefon, E-Mail, Facebook, YouTube – und dabei denen nachzugehen, denen diese Kommunikationsmittel nicht zur Verfügung stellen.
  • Wir müssen als Kirche einen Gang zulegen in der schnellen und möglichst präzisen Aufklärung – sowohl zu verantwortlichem Handeln, um die Verbreitung des Corona-Virus zu verlangsamen, als auch in der christlichen Deutung dieser Epidemie – die auch für viele Scharlatane ein fruchtbarer Boden ist. Weder ist die temporäre Schließung einer Kirche der Endsieg Satans, noch büßen die Infizierten persönlich für irgendein Vergehen. Sondern selbst in dieser dunklen Realität einer Epidemie leuchtet in der Nächstenliebe, in der Aufopferung für die Marginalisierten – das wären in diesem Kontext die „Hochrisiko-Patienten“ und in dem Weitergeben von Hoffnung in einer teils hoffnungslos-anmutenden Situation – in all diesem leuchtet das Handeln Jesu für uns auf. In all dem können wir das „Für Dich gegeben“ des Abendmahls, das wir nun gerade nicht mehr im Gottesdienst zusammen feiern können, durch konkretes Handeln - auch im Gebet – weiterfeiern!

„National total lockdown – nationale totale Ausgangssperre“

Gestern Abend (23.3.3030 19h00) hat der südafrikanische Staatspräsident Ramaphosa noch einmal verschärfte Regelungen des Alltags unter dem bereits vor einer Woche ausgerufenen Katastrophenzustand bekannt gegeben: Ab Donnerstag Mitternacht (26.3.2020) herrscht ein „National Lockdown“ – d.h. eine Ausgangssperre – rund um die Uhr. Ausgenommen davon sind lediglich die überlebensnotwendigen Dienstleister wie medizinisches Personal, Supermärkte, usw. Die Armee wird die Polizei in der strengen Kontrolle zur Einhaltung des „National Lockdowns“ landesweit unterstützen. Niemand darf seine Wohnung, sein Haus, bzw. sein Grundstück verlassen (auch keine Spaziergänge im Freien). Was dies für die Millionen BürgerInnen bedeutet, die kein monatliches Gehalt verdienen, sondern von Tag zu Tag durch Verkauf, Dienstleistungen oder Betteln ihren Lebensunterhalt sichern ist kaum auszumalen. Wir bitten um Eure Fürbitte!

J​oe Lüdemann

​Pfarrer

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